tiny little gizmos

Himmelfahrt aufs Land

Das verlängerte Himmelfahrt-Wochenende habe ich genutzt um dem stickigen Berlin zu enfliehen. Es zog mich auf das Land – genauer gesagt ins südliche Niedersachsen.

Als “Basislager” hatte ich ein kleines Apartement in Northeim angemietet um von dort aus Verwandte und Freunde zu besuchen. Dazu fuhr ich nach Immensen, Sebexen, Lagershausen und Bockenem. Zudem wollte ich endlich die Oldtimer-Ausstellung im PS-Speicher in Einbeck ansehen.

Alles in allem ein straffes Programm für vier Tage. Trotzdem kam keine Hektik auf. Jeder Besuch war schön und die Gespräche sehr nett und interessant.

Northeim

Northeim ist eine Kreisstadt, die im Leinetal knapp 80km südlich von Hannover und 20km nördlich von Göttingen liegt. Die Altstadt mit vielen gut erhaltenen Fachwerkhäusern ist hübsch, teilt aber leider das Schicksal vieler Klein- und Mittelstädte: Ein sehr großer Teil der Läden und Geschäfte steht leer oder weist geringwertige Nutzung auf. Immerhin gibt es noch Verwaltung etwas Gastronomie und sogar ein Kino, aber der Gesamteindruck ist trotz der schönen Gebäude leider recht traurig.

Northeims Fußgängerzone mit extremen Leerstand der Ladengeschäfte
Schöne Fachwerkhäuser in den Seitenstrassen von Northeims Altstadt

Schön ist hingegen die Lage der Stadt. Bei einem Spaziergang im Wald ging immerhin 200m hinauf auf den Wieter (326m ü. NN), wo ein Aussichtsturm und ein Ausflugsrestaurant stehen. Leider waren beide geschlossen, aber der Ausblick nach Nordwesten über Northeim und das Leinetal bis zum Solling war auch so schön. Der Buchenwald schien mir in recht gutem Zustand zu sein und an vielen Stellen roch es gut nach Waldmeister oder Lauch.

Blick vom Wieter über Northeim und das Leinetal bis zum Solling

Einbeck

Einbeck liegt 15km norwestlich von Northeim. Die beiden Städte haben viel gemeinsam: Beide sind Mittelzentren von jeweils ungefähr 30.000 Einwohnern mit gut erhaltener Altstadt und vielen Fachwerkhäusern. Trotz der räumlichen Nähe und den genannten Gemeinsamkeiten hatte ich den Eindruck, dass Einbeck deutlich lebhafter ist. Es gibt dort viel weniger Leerstand, der Markt war gut besucht, der PS Speicher zog sehr viele Besucher an und ich war sogar in zwei Galerien.

Kunstvoll geschnitzte Fassadenelemente an der Einbecker Touristeninformation
Einbecker Altstadt mit weniger Leerstand als Northeim
PS Speicher in Einbeck – Geschichte der Motorisierung

Vom PS Speicher hatte ich schon mehrfach gehört und bin nun endlich dazu gekommen, ihn zu besuchen. Es ist eine beeindruckende Sammlung von Fahrzeugen vom späten 19. Jahrhundert bis heute. Nicht nur die Masse und der Zustand der Fahrzeuge ist bemerkenswert, sondern die Präsentation ist sehr gelungen. Auch eine Freundin, die sich eigentlich nicht sehr für Fahrzeuge interessiert hat den Besuch empfohlen.

Die Hauptausstellung ist chronologisch aufgebaut, gibt auch Einblicke in den jeweiligen historischen Kontext. Dazu gibt es weitere Sonderausstellungen von “Kleinstwagen” bis zur LKW-Sammlung. Auf jeden Fall sollte man genügend Zeit mitbringen, denn selbst für die Hauptausstellung sind 4 Stunden eher knapp bemessen, wenn man die Fahrzeuge nicht nur eines flüchtigen Blickes würdigen möchte. Vermutlich werde ich dazu noch einen eigenen Artikel schreiben. Alleine schon wegen der schönen Fotos… ;-)

Bockenem

Bockenem ist eine Kleinstadt im Landkreis Hildesheim, die mit nur 10.000 Einwohnern deutlich kleiner ist, als Northeim und Einbeck. Das Zentrum besteht ebenfalls überwiegend aus Fachwerkhäusern, die fast alle aus der Zeit nach dem großen Stadtbrand von 1847 stammen. Die Stadt leidet deutlich unter dem demographischen Wandel und der Abwanderung jüngerer Personen. Die Kernstadt hatte im Jahr 2000 noch 5100 Einnwohner und 2015 bereits nur noch 4300. Bilder habe ich nicht, weil ich mich dort auf das Fachwerkhaus konzentriert habe, das mein Cousin seit einigen Jahren erfolgreich restauriert. Unsere Gespräche drehten sich viel um bauliche Details, Finanzierungsfragen und den teils irrwitzigen Kampf mit dem Amt für Denkmalschutz.

Die Dörfer

Bis jetzt habe ich nur von Kleinstädten berichtet, aber ich war auch richtig auf dem Land. Verwandte und Freunde wohnen in den Dörfern Immensen, Sülbeck, Edemissen, Lagershausen, Eboldshausen und Sebexen. Für die ganz große Runde hat die Zeit nicht gereicht. Aber dort, wo ich war hatten wir genügend Zeit um in Ruhe über viele kleine und große Dinge zu reden. Schöne Erinnerungen und auch die weniger angenehmen Seiten, die zum Leben dazugehören. Auch ein kurzer Besuch auf dem Friedhof am Grab meines Großonkels und seiner Frau war dabei.

Immensen bei Einbeck

Abgesehen von Familiengeschichten haben wir uns über Themen wie Landwirtschaft, Umweltschutz, Strukturwandel, Flüchtlinge (nach dem 2. Weltkrieg und heute) unterhalten.

Es ist recht erholsam, solche Themen auch mal mit geerdeten Menschen zu diskutieren, die jenseits der Medienblasen der Großstädte leben. Denn meine Verwandten mögen zwar auf dem Dorf wohnen, aber ganz sicher nicht hinter dem Mond.

Jemandem, der jahrzehntelang in der Landwirtschaft tätig war, muss kein Akademiker (m/w/d) aus der Großstadt die Probleme der industriellen Landwirtschaft erklären. Da bin ich lieber still und höre den Fachleuten zu.

Zwar sah der Buchenwald bei Northeim auf den ersten (Laien)Blick recht gesund aus. Aber die Hügel oberhalb von Sebexen waren weitestgehend kahl, wo früher Fichtenwald stand. Jemand in dem Dorf, der selbst Waldanteile besitzt und sein Haus mit Holz heizt (mit einer rafinierten elektronisch gesteuerten Mischung aus Kaminofen und Warmwasserheizung) ist sich sehr genau über den Klimawandel im klaren. Erst Trockenheit, dann Borkenkäfer und für den Rest hat ein Sturm gesorgt, der in wenigen Minuten den 70 Jahre alten Forst komplett gefällt hat.

Und wenn in einem Dorf von 300 Einwohnern immerhin 30 Geflüchtete Personen aus der Ukraine untergekommen sind, finde ich das schon bemerkenswert. Insbesondere, weil die meisten schon einigermaßen ins Dorfleben integriert sind.

Aber ich glaube, dass ich zu den großen Themen auch noch einen gesonderten Artikel schreiben werde.

Der Ausflug ist hier zu Ende. Es hat mir sehr viel Spass gemacht. Gerne komme ich wieder in diese nette Gegend.

Motorradgottesdienst Friedrichswalde 2022

Letzten Sonntag am Muttertag war es so weit:
Der 27. Motorradgottesdienst in Friedrichswalde zog wieder hunderte motorradbegeisteter Menschen in das beschauliche Dörfchen Friedrichswalde im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, ca. 70km nördlich von Berlin.

Unter anderem auch mich ;-) .

Nachdem die Veranstaltung coronabedingt in den letzten beiden Jahren ausfiel (siehe Motorradgottesdienst Friedrichswalde 2021) war die Vorfreude groß, als klar wurde, dass in diesem Jahr wieder eine echtes Treffen mit vielen gleichgesinnten Menschen stattfinden kann.

Petrus half nach Kräften – das Wetter hätte nicht besser sein können. Strahlender Sonnenschein und Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad sind perfekt für eine kleine Motorradtour durch Wälder, vorbei an Seen und knallgelben Rapsfeldern.

Ein Traum: Sonne, Büsche, Bäume, Raps und kaum Verkehr (Foto von der Helmkamera)

Und so war für mich bereits die Hinfahrt ein Fest. Am Motorradfahren liebe ich das Unmittelbare. Genau das, was einem zu Beginn auf zwei Rädern Angst macht, nämlich keinen Stahlkäfig um sich herum zu haben, der einen von der Umwelt abschirmt, ist an solchen Tagen einfach großartig.

Man rast nicht mit Termindruck über die Autobahn, sondern kreuzt locker und lässig über die kleineren Kreisstraßen. Der Fahrtwind ist nicht mehr kalt, man hat den Rundum-Blick in die Landschaft und die Gerüche der blühenden Pflanzen macht einen fast schon ein wenig high. Genial!

Die hübsche Dorfstraße wird von hunderten Motorrädern gesäumt

Je näher ich Friedrichwalde kam, um so höher wurde die Dichte an Motorrädern jeder Coleur auf der Fahrbahn. Im Ort angekommen habe ich meine Suzi bei den anderen Bikes, die malerisch am Rand der Dorfstrasse standen, eingefädelt und weiter ging es dann zu Fuß in Richtung Ortsmitte zur Kirche.

Die Kirche in der Dorfmitte

Dort war es schon sehr belebt. Die vielen Menschen standen in Gruppen beisammen oder saßen auf den Bänken, die vor der Kirche aufgestellt waren, klönten miteinander, aßen und tranken und ließen es sich gut gehen. Ein richtiges hübsches kleines Dorffest mit Bratwurst, Getränken und Kuchen – und mit der Besonderheit, dass mindestens zwei Drittel Motorradkleidung trugen. Es zwar angenehm warm, aber nicht so warm, dass man es in der Kluft nicht mehr aushielt. Perfekt!

Rund um die Kirche findet das Fest statt

Wenn man schon mal da ist, schaut man natürlich, wer noch so gekommen ist (mein Kollege, der eigentlich mitkommen wollte war leider doch verhindert) und vor allem mit was für Fahrzeugen.

Und auch dieses Mal glich kaum eine Maschine der anderen. Egal ob alt oder neu, Supersportler, Naked, Chopper, Cruiser, Gespann – alles war zu finden. Auch die Simson-Fraktion war wieder gut und zahlreich vertreten. Ich zeige einfach mal zwei Bilder von historischen Maschinen.

Alt, Originalzustand und selten: Viertakter mit Beiwagen von Simson

Viele Schmuckstücke waren dabei – unter anderem top restaurierte Oldtimer

Der Gottesdienst begann um 14:00 und wurde bereits eine halbe Stunde vorher eingeläutet. Die Kirche füllte sich bald und ich nahm wieder auf dem Balkon Platz. Die musikalische Untermalung aus Rock und Blues kam auch in diesem Jahr wieder von FatHat.

Die Band. Rock und Blues mit Message

In seiner Predigt sprach Pfarrer Ralf Schwieger auch diesmal vordergründig von der Freiheit, Motorradfahren zu können und zu dürfen. Natürlich ist das aber auch als Metapher für Lebensfreude, jahrzehntelange Freundschaft und Toleranz in schwierigen Zeiten zu verstehen, gerade wenn nicht weit entfernt ein Krieg tobt.

Ich könnte mir vorstellen, dass es in diesem Jahr besonders herausfordernd war, passende Metaphern zu finden und den richtigen Ton zu treffen. Und so ging es bei der Andacht nicht nur um die Verstorbenen und Kranken, um Freunde und Familie, sondern ebenso um die Opfer des Krieges.

Die Gemeinde bei der Andacht

Nach dem Gottesdienst war noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Start der gemeinsamen Ausfahrt. Damit mein Flüssigkeitspegel in der trockenen Wärme stimmt und der Kreislauf stabil bleibt, holte ich mir noch ein Wasser vom Getränkestand, als ich plötzlich meinen Namen hörte. Ich dachte noch “Nanu, wer kennt mich hier?” und als ich mich umdrehte, begrüßte mich Pfarrer Ralf Schwieger. Ich muss zugeben, dass mich das etwas verblüfft hat. Ich habe selbst leichte Schwierigkeiten, mir Namen von Menschen zu merken, mit denen ich nicht ständig zu tun habe. Er kennt wer weiß wie viele Menschen und erinnert sich an meinen Namen, obwohl wir uns nur einmal unterhalten hatten – vor genau einem Jahr bei einer Bratwurst auf Gut Gollin.

Ich versprach ihm, auch in diesem Jahr wieder einen Artikel zu schreiben. Viel Zeit blieb nicht, denn nun ging es zurück zu den Motorrädern zur gemeinsamen Ausfahrt.

Motorradstaffel der Johanniter

Die Ausfahrt wurde von Polizei und der Motorradstaffel der Johanniter begleitet. Gefahren wurde im geschlossenem Verband (Kolonne). Die Tour führte zunächst nach Osten in Richtung Angermünde, knickte vorher nach Süden ab, weiter vorbei an Kloster Chorin und über Britz und Golzow wieder zurück nach Friedrichswalde.

Ich verabschiedete mich kurz nach Chorin aus dem Verband und machte mich über Eberswalde, Biesenthal und Bernau auf den Rückweg nach Berlin.

Wuselig – sammeln zur gemeinsamen Ausfahrt

Toleranz und Rücksicht

Die jährlich Ausfahrt von ein paar hundert Motorrädern ist in der Region ein Ereignis. Überall stehen Schaulustige und ganze Familien an den Straßenrändern, filmen, fotografieren und winken. Einige haben es sich mit Campingstühlen und -Tischen gemütlich gemacht. Ich habe nur zwei Menschen wahrgenommen, die den Konvoi nicht lustig fanden. Ansonsten nur freundliche Gesichter. Das war mir auch bereits 2019 aufgefallen.

Das finde ich toll in einer Zeit, in der viele Menschen immer weniger Toleranz für Dinge aufbringen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen.

Auf der anderen Seite bedeutet das für mich natürlich auch eine Verpflichtung.

Wenn ich mit dem Motorrad diese wunderschöne Landschaft besuche, fahre ich gesittet, bemühe mich, Krach zu vermeiden und den Menschen nicht auf die Nerven zu fallen. Und ich denke, dass ich damit nicht alleine bin. Ich habe an diesem Tag extrem viele Motorradfahrer (m/w/d) gesehen, und mir ist dabei niemand durch schnelles Fahren, extreme Lautstärke oder sonstiges Rumgeprolle aufgefallen.

Geht doch!

Fazit

Auch in diesem Jahr war der Motorradgottesdienst wieder sehr gelungen. Eine wirklich schöne Veranstaltung.
Mein Dank geht an Pfarrer Schwieger und seine Frau, den vielen Helfern, der Motorradstaffel der Johanniter, der Polizei, und den Anwohnern.

Ich freue mich bereits jetzt auf Muttertag 2023.

Mit dem Motorrad auf den Spuren der Vergangenheit

Mitte Dezember 2021. Draußen ist es kalt und ungemütlich und Corona nervt schon wieder so richtig.

Was hilft?

Zum Beispiel Kerzen auf den Tisch, in eine Decke kuscheln und bei Kaffee und Lebkuchen an etwas schönes zurückdenken. An meine erste kleine, aber feine Motorradreise, die ich im Sommer gemacht habe.
Nichts großes, sondern ein verlängertes Wochenende in Niedersachsen. Ich habe eine gute Freundin besucht und bin mit ihr zusammen einen Tag durch das Leinetal kreuz und quer gefahren. Und ich habe nach sehr langer Zeit liebe Verwandschaft wiedergetroffen.

Weshalb das Leinetal?

Weil es dort im Harzvorland schön ist.

Und weil nicht so fürchterlich weit weg ist.

Und weil ich die Landschaft früher, als ich dort als Teenager gewohnt hatte, nicht gewürdigt habe.

Und weil ich als Kind häufig auf den Bauernhöfen meiner Verwandten war und gerne daran zurückdenke.

Und weil es dort kleine, wenig befahrene kurvige Straßen gibt, die mit dem Motorrad Spaß machen.

Und weil eine gute Freundin von mir noch immer dort wohnt und auch Motorrad fährt und die Idee einer gemeinsamen Tour toll fand.

Landschaft bei Elze

Vorbereitung

Ich fahre ja noch nicht so lange Motorrad und habe noch nie eine längere Tour gemacht. Also haben mich einige Dinge beschäftigt bevor es losging: Wie viel Gepäck kann ich eigentlich mitnehmen (nicht viel) und wie befestige ich das sicher an der Maschine? Welche Klamotten sind für so etwas richtig? Wie stecke ich das Fahren körperlich weg und wird mir so etwas überhaupt Spaß machen?

Zum Gepäck:
Ich habe mich für zwei Teile von SW Motech entschieden. Das Rearbag wird auf den Soziussitz gelegt und mit vier Riemen an Soziusfußrasten und Kennzeichenhalter festgezurrt. Der Tankrucksack wird sehr einfach und schnell an einem Kunststoffring am Tankstutzen befestigt. Wenn man bei einer Rast, seine Wertsachen nicht unbeaufsichtigt lassen will, kann man ihn problemlos mitnehmen. Ohne Gepäck bleibt nur der relativ dezente Ring auf dem Tank zurück und nichts stört die Optik.

Für ein verlängertes Wochenende reicht der Stauraum knapp aus. Auf das vollgepackte Bike würdevoll aufzusteigen war aber schon eine kleine Herausforderung… ;-)

Zwischenstop in Laatzen bei Hannover

Zur Kleidung:
Das Wochenende war als wechselhaft vorausgesagt, mit Temperaturen zwischen 15 und 28 Grad, Regen und Sonne. Etwas überspitzt gesagt also irgendwie alles außer Tropenhitze und Schneetrieben. Mach da mal was draus.
Ich habe mich für eine wasserabweisende Textilkombi entschieden in der Hoffnung, dass es nicht zu heiß wird. Das hat sich als richtig herausgestellt, auch wenn es hier oder da mal recht warm war, wenn ich nicht gefahren bin. Um den Regen bin ich stets herumgekommen.

Zum Thema Kondition:
Motorrad zu fahren ist körperlich anstrengender, als Auto zu fahren. Ich bin ehrlich gesagt körperlich nicht gerade richtig fit und hatte schon etwas Bedenken, aber alles ging gut. Ja der Hintern brummt schon nach 100km und auf der Autobahn drückt bei 130km/h den Helm ordentlich auf die Stirn. Dann fährt man eben etwas langsamer und macht eine Pause mehr. Während des Fahrens habe ich nicht bemerkt, aber am Sonntag war ich doch froh nach zwei Tagen im Sattel einfach nur etwas abzuhängen, bevor ich mich am Montag auf den Rückweg gemacht habe.
Meine Freundin fährt in der Regel auch nur kürzere Strecken und war nach einem Tag auf ihrem Chopper auch recht geplättet.

Zum Thema Spass:
Ja, war geil!

Genau die richtige Dosis für den Anfang. Und mal abgesehen von dem eher langweiligen Autobahnanteil bei An- und Abreise war die eigentliche Tour am Samstag toll.

Wir sind überwiegend über kleine, wenig befahrene Nebenstraßen durch Dörfer und Kleinstädte gefahren. Schön gemütlich durch die grüne Landschaft gebummelt (meist zwischen 60 und 80 km/h), vorbei an Feldern, Wälder auf den Hügeln im Blick. Und im Gegensatz zu Brandenburg gibt es dort sogar schöne Kurven. Und auch das eine oder andere architektonische Highlight: Die Fagus Werke in Alfeld und die Eisenbahn Hochbrücke bei Greene lagen auf dem Weg, in Einbeck haben wir im historischen Stadtkern zwischen den Fachwerkbauten Eis gegessen.

Markt in der Einbecker Altstadt

Emotional – Ein Trip in die Vergangenheit und liebe Menschen

Die jüngste Tochter meiner Freundin ist Anfang 20 und hat uns abends gefragt, weshalb “Leute in einem bestimmten Alter dazu neigen, einen Sentimental Journey zu machen”. Als Antwort bekam sie von ihrer Mutter “weil irgendwann immer mehr Menschen, die einem etwas bedeuten sterben. Und dann möchte man diejenigen, die noch leben noch einmal sehen, weil man merkt wie wichtig sie einem sind.”

BÄM – auf den Punkt!

Blick zurück in die 70er Jahre: Ich war als Kind häufig auf den Bauernhöfen meiner Verwandten. Das Land und die Felder und die Tiere waren das völlige Kontrastprogramm zu meinem Leben in der Innenstadt von Hannover. Ich habe dort gespielt und abends geholfen, die Kühe von der Weide zurück in den Stall zu holen. Ich habe gesehen (und gerochen), wie man Schweine (ordentlich) hält. Ich habe gelernt, wie Silage gemacht wird, was eine Egge ist und habe mit dem Traktor Heu gewendet.

Es ist mir so wichtig, die Dinge erlebt zu haben. Gerade wenn man später durch die Welt gejettet ist um an Millionenschweren IT Projekte zu arbeiten, hilft es einem, halbwegs geerdet zu bleiben.

Ich wollte mir die Orte meiner Jugend noch einmal ansehen. Aber dann dachte ich mir, dass ich nicht einfach dort hin fahren kann, ohne dass dort jemand Bescheid weiß. Wie sieht das aus, wenn plötzlich zwei Motorradfahrer ankommen, vor dem Hof halten und dann vielleicht sogar fotografieren?

Landstraße bei Eboldshausen.
Ich habe ein Foto von genau dieser Stelle aus dem Frühjahr 1968, auf dem mich mein Vater als Baby bei einem Spaziergang getragen hat.

Also habe ich meiner Patentante einen Brief geschrieben und uns angekündigt. So richtig mit Füller auf Papier! Das hat mich etwas Mut gekostet. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir sehr(!) lange keinen Kontakt mehr hatten. Aber meine Bedenken waren unbegründet. Die Freude war groß und mir wurde gesagt “Biker sind uns immer willkommen”. Es stellte sich nämlich heraus, dass meine Patentante und ihr Mann beide begeisterte Motorradfahrer waren und aus gesundheitlichen Gründen damit aufhören mussten.

Wir wurden also mit offenen Armen empfangen und hatten einen sehr schönen Nachmittag, mit grillen, klönen und ich habe mich gefragt, weshalb ich mich nicht schon viel früher gemeldet habe. Aber besser spät, als nie.

Und was ist mit der Umwelt?

Die Frage nach der Klimabilanz darf heute natürlich nicht fehlen. Am Besten wäre es natürlich, wenn man gar keinen Urlaub machen würde. Also für die Umwelt. Für mich aber nicht. Diese kleine Reise war mir 1000 mal wichtiger, als alle blöden Businesstrips der letzten 10 Jahre zusammen. Und mit dem Motorrad ist es sogar halbwegs harmlos. Klar – ich habe Benzin verbraucht – aber relativ wenig. Nicht nur im Vergleich zu einem Flug ans Mittelmeer, sondern auch im Vergleich zum Auto. Mit meinem Auto hätte ich auf der Tour ungefähr 70 Liter benötigt. Das Motorrad kam mit knapp 40 Liter aus. Wäre ich weniger Autobahn gefahren, hätte es auch nochmals deutlich weniger sein können. Das merke ich mir für das nächste Mal, zumal Autobahn auf zwei Rädern keinen Spaß macht. Die Ökobilanz dieses Kurzurlaubs halte ich also für vertretbar, zumal ja auch die Eisenbahn noch längst nicht Klimaneutral fährt und mit ihr hätte ich die Fahrt so gar nicht machen können.

Meine Zweitmütze – HJC i90 Klapphelm

Bereits seit einiger Zeit habe ich mit dem Gedanken gespielt, mir eine “Zweitmütze” zuzulegen. Und jetzt habe ich es getan. Nach viel Fachlektüre, Tests und Abwägen habe ich mir an diesem Wochenende einen HJC i90 gekauft.

Weshalb einen zweiten Helm?

Man sagt, dass man Helme aus Sicherheitsgründen nicht länger als 5 Jahre nutzen sollte. Wetter und UV Strahlung machen den Kunststoff langsam spröde. Das Innenfutter weitet sich langsam und der Schweiß setzt der Schaumstoffinnenschale zu. Meinen Shoei GT Air habe ich mir vor ca. 3 1/2 Jahren gekauft, als ich mit dem Motorradführerschein angefangen habe. Da er von Verarbeitung und Material (Kein Spritzguss, sondern Faserverbundwerkstoff) deutlich besser als der Durchschnitt ist, kann ich ihn sicherlich noch locker 2 Jahre nutzen.

Aber ein paar Dinge stören mich insbesondere bei einfachen Stadtfahrten, z.B. morgens ins Büro. Die Belüftung im Stand ist nicht gut. Bei kälteren Temperaturen beschlägt das Visier trotz Atemabweiser und Pinlock Innenvisier sehr schnell. Der Helm ist mattschwarz, und dadurch nicht gerade auffällig (potentielles Sicherheitsrisiko) und am letzten Punkt, der mich nervt bin ich selber schuld: Ich habe ein Sena 10C Evo eingebaut (siehe “Der elektrische Helm“) – eine Mischung aus Gegensprechanlage, Handyverbindung, um sich z.B. Routen von Google Maps ansagen zu lassen und einer Kamera.
Das Ding ist eigentlich ganz cool. Aber im Alltags- und Berufsverkehr habe ich keine Mitfahrer zum Unterhalten, den Weg kenne ich auswendig und ich filme nur Fahrten, die irgendwie besonders sind. Also ist das Gerät meist schlicht überflüssig, hängt aber seitlich etwas klobig am Helm mit Kabeln, die unter dem Innenfutter zu Lautsprechern und Mikrofon verlaufen und die Halterung habe ich fest angeschraubt. Das Teil mal eben abnehmen ist nicht.

Im Vergleich: Bessere Sichtbarkeit in der Dämmerung

Und weshalb genau diesen?

Ich habe schon seit längerem recherchiert und mir gedacht, dass ein Klapphelm eigentlich ganz praktisch ist. Den Helm jedes mal abfummeln wenn man sich unterwegs mal schnell die Nase putzen muss oder zum Bezahlen in die Tanke geht, ist nervig. Passform ist natürlich Top-Priorität, Pinlock und Sonnenblende ist ein Muss, der Helm muss trotz Klappmechanismus stabil sein und er sollte optisch besser erkennbar sein und falls möglich farblich zu meiner Maschine passen (weiß/rot/schwarz).

Nach meiner Recherche hatte ich folgende Kandidaten auf meiner Liste: Shoei Neotec II, Shuberth C3, Shuberth C4 und X-lite X-1005 Ultra Carbon. Also am Samstag auf zu Tante Louise und die Mützen dort mal aufsetzen.

Ich fing mit dem Shoei an. Der Helm macht einen sehr hochwertigen Eindruck und die Passform ist klasse. Ich fühle mich gleich wie zu Hause. Alles super – bis auf den Preis. Ich gebe für hochwertige Qualität gern ein paar Euro mehr aus. Allerdings kosteten die Dekors, die mir zusagten alle deutlich über €700,- !

Puh…

Der X-lite war dagegen mit €500,- trotz Karbonschale schon fast preisgünstig. Allerdings saß der nicht so richtig gut auf meinem Kopf und die Sonnenblende kam mit etwas schepperig vor. Den Schuberth habe ich auf- und sofort wieder abgesetzt. Der Verkäufer meinte nur trocken “Hätte mich gewundert. Wem Shoei passt, der kann in der Regel keinen Schuberth tragen und umgekehrt.”

Na super – und jetzt?

Also haben wir zusammen die Regale gescannt. Billiganbieter möchte ich nicht, Darth-Vader Look oder Dekors, die 18 jährige krass finden bitte auch nicht. Dann habe ich den HJC aufgesetzt und – sitzt gut!

Bei dem niedrigen Preis von nur €234,- wurde ich zunächst etwas misstrauisch. Also lieber noch mal genauer hinsehen. Aber ich finde keine sichtbaren Macken. HJC ist bei weitem kein No-Name, die Verarbeitung machte einen guten Eindruck und was geil ist – das Dekor passt zu meiner Maschine “wie Arsch auf Eimer”. Die einzige Erklärung für den günstigen Kurs ist, dass die Schale aus Polycarbonat-Spritzguss ist.
O.K., kann ich mit leben.

Passt: Dekor von Helm und Bike

Also einpacken und mitnehmen. Inklusive dem Versprechen “wenn der Helm nach einer Probefahrt doch drückt oder ernste Macken hat, kannst Du ihn zurückgeben”.

Der Praxistest – mein erster Eindruck

Sonntag habe ich also den i90 aufgesetzt (Sturmhaube drunter – damit ich ihn nicht gleich vollschwitze und ggf. als neuwertig zurückgeben kann), mich auf die GSX geschwungen und habe eine Runde gedreht. 1 1/2 Stunden langsam (30er Zonen) und zügiger (Ausfallstrassen) durch die Stadt, ein bisschen über die Autobahn (mal kurz bis 140 Km/h), Zwischenstopp an der Spinnerbrücke und am (Ex-)Flughafen Tegel und dann wieder nach Hause.

Nach der ersten, erfolgreichen Fahrt – darf bleiben

Der i90 sitzt straff, verursacht aber nirgendwo unangenehme Druckstellen (hängt natürlich von der Kopfform ab). Die Ausdünstungen von dem neuen Kunststoff halten sich sehr im verträglichen Rahmen. Die Rastung vom Visier ist recht leichtgängig. Nach den ersten paar hundert Metern kam mir der Helm ziemlich laut vor – und das bei 50 Km/h, aber auf der Autobahn wurde es nicht wesentlich schlimmer. Die Belüftung ist im Gesicht schon deutlich spürbar – auch bei geschlossenem Lufteinlass. Dafür hatte ich keine Problem mit beschlagendem Visier an den Ampeln. Und das mit dem Klappmechanismus ist schon genial, weil man nicht für jeden Furz Zwischenhalt gleich den Helm abnehmen muss und dann nicht weiß, wohin damit.

Besichtigung des Luftfrachtbereiches in Tegel.
Alter Flughafen, alter Mann, neuer Helm

Ich werde den Helm behalten. Für die Stadt und kurze Trips ist er auf jeden Fall gut. Auf längeren Strecken werde ich vermutlich weiterhin den leiseren Shoei aufsetzen – und dann auch filmen. Also eine gute Ergänzung für einen schmalen Taler.

Bahn statt Auto – so geht es jedenfalls nicht

Das Auto ist ja bekanntermassen das Grundübel der heutigen Welt. Es versaut die Umwelt, steht überall im Weg rum, tötet Radfahrer und ist sowieso prinzipiell völlig überflüssig, yada, yada…

Reality check

Meine werte Mitbewohnerin fragte mich, ob ich demnächst zu einer Ausstellung im Schloss Rheinsberg mitkommen möchte.
Ja gerne. Ist ja ganz hübsch dort oben.
Wir wären zu dritt und möchten / müssen am Wochenende dort hin, weil man ja unter der Woche arbeitet. Also wie fahren wir:

Mit der Bahn oder mit dem Auto?

Ich bin zwar Autofahrer, aber das heißt nicht automatisch, dass ich immer die Blechkiste nehmen muss oder will. Innerhalb Berlins fahre ich selten und so einen gemütlichen Ausflug kann ich mir auch ganz gut mit der Bahn vorstellen. Wie kommt man also dort hin?

Schnell mal auf der Website der Bahn Start, Ziel und gewünschte Uhrzeit eingegeben. Wobei der Startpunkt gar nicht so einfach ist, weil ich nicht weiß, von welchem Bahnhof der Zug (vermutlich Regionalexpress?) abfährt. Also gebe ich einfach meine Adresse ein. Zur Auswahl wurden drei verschiedenen Verbindungen ausgegeben: Mit drei oder viermal Umsteigen und einer Gesamtfahrzeit von drei Stunden oder länger.

Ähm – wie bitte?

Zum Vergleich: Mit dem Auto benötigt man für die 93km ungefähr 1:20h.

Meine Mitbewohnerin meinte, dass dort die Niederbarnimer Eisenbahn hinfährt und nicht die DB. Ich solle mal dort nachsehen.

Danke für den Hinweis. Woher sollte ich das wissen? Und wieso kann die Bahn nicht auch die Verbindungen der Konkurrenz anzeigen, wenn sie schon im Verkehrsverbund fahren?

Also auf die Website der NEB. Die Usability ist grausam, die Funktionen teilweise kaputt. Start und Ziel musste ich mehrfach eingeben und wurde schließlich auf eine kaputte Seite des VBB (Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg) weitergeleitet.

Das erklärte Ziel der verkehrswendebegten Mitbürger ist es, die Autofahrer dazu zu bewegen, das Auto stehen zu lassen. Alleine das Gehoppel über drei verschiedene Websites ist nervig und hat an einer Stelle Vorwissen vorausgesetzt, dass ich nicht hatte. Ich möchte an dieser Stelle kein “stell Dich nicht so an” oder “wenn Du gleich da und dort geguckt hättest…” hören. Klar – jemand der laufend mit der Bahn fährt weiß so etwas vermutlich, aber derjenige muss ja auch nicht mehr “zum rechten Glauben bekehrt” werden.

Es wird von den Autokritikern immer so getan, als ob Bequemlichkeit kein valides Argument für das Auto sei. Diese ignorante Haltung ist vermutlich auch der Grund, weshalb sich in den letzten 30 Jahren nichts im Verkehrssektor verbessert hat. Denn jeder, der den Menschen etwas verkaufen möchte – also sie zu etwas überzeugen – weiß, dass Bequemlichkeit und Einfachheit zu den absolut wichtigsten Argumenten überhaupt zählt – noch weit vor dem Preis. Glaubst Du nicht? Frag mal Apple…

Von den technischen Problemen der Websites einmal abgesehen, gibt es Sonntags nur zwei Verbindungen: eine früh morgens und eine früh abends.

Kurz gesagt: Es klappt einfach nicht.

Aber nehmen wir mal an wir hätte eine passende Verbindung gefunden. Der Fahrpreis beträgt €10,50. Für drei Personen hin- und zurück sind das €63,- gegenüber €25,- Benzinkosten.

Ja – ich weiß, dass das Auto mehr kostet, als nur Benzin. Aber das sind im Wesentlichen Fixkosten, die ich ohnehin trage. Für die konkrete Fahrt ist (fast) nur Benzin und ggf. Parkgebühr fällig.

Und für diese Tour wäre nicht einmal die Ökobilanz der Bahn besser, weil ein mit drei Personen besetztes Auto relativ geringe Emissionen per Personenkilometer hat.

Machen wir also (für diesen konkreten Fall) mal eine Abwägung:

BahnAuto
Reisevorbereitung+
Flexibilität++
Direktverbindung+
Reisezeit+
Komfort+
Kosten+
Ökobilanzoo

Es steht in diesem Fall also 5 zu -5 für das Auto. Einzig die Tatsache, dass ich keine Lust habe, mich hinter das Lenkrad zu setzen spricht für die Bahn. Aber eigentlich auch nicht wirklich. Am Ende wird es wohl darauf hinauslaufen, dass ich mir die Ausstellung nicht ansehen werde. Das wäre für die Umwelt natürlich am besten: Wenn man mit seinem Hintern zu Hause bleibt.

Ist das am Ende mit dem Begriff “Verkehrswende” gemeint?

E24 11 12 50R 00 0238 und die linke Hand

Wer diese Überschrift verstanden hat, arbeitet vermutlich als Motorradmechaniker, TÜV Prüfer oder Verkehrspolizist. Es geht um zugelassene Anbauteile. Heute habe ich nämlich ein kleines Päckchen bekommen und den Inhalt sofort verbaut.

Ich bin eigentlich nicht so der Tuning-Freund. Schon als ich damals Ende der 80er auf dem Land gewohnt habe, waren meine Autos ziemlich langweilig und serienmäßig. Keine Spoiler, keine Breitreifen, kein Sportauspuff, keine Tieferlegung, kein Fuchsschwanz am Manta (ja, ich hatte tatsächlich auch mal einen – war eine echt schräge Kiste und gut für etliche Stories). Auch heute ist mein Auto genau so, wie es aus der Fabrik kam.

Bei meinem Motorrad ist es etwas anders. Ich hatte die GSX-S 750 im Jahr 2020 neu gekauft. Sie gefällt mir vom Styling gut, aber ich habe zwei optische Mängel sofort vor der Auslieferung ändern lassen: Der klobige Kennzeichenhalter wurde durch einen kurzen ersetzt und die ollen bratpfannengroßen Blinker mit Glühlampen durch schmale, helle Lauflicht-LED Blinker. Das reicht mir eigentlich.

Etwas neues Bling Bling

Seit heute habe ich auch noch neue Brems- und Kupplungshebel. Das hat einen sachlichen Grund: Ich hatte in der Stadt oder im Stau nämlich schnell Probleme mit gereizten Sehnenscheiden am linken Arm. Die Kupplung der GSX-S ist leider nicht butterweich, sondern man muss schon ein bisschen zupacken. Nicht wie der Hulk, aber auf Dauer merkt man es. Serienmäßig ist nur der Bremshebel in der Griffweite einstellbar, während der Kupplungshebel stur und weit absteht. Das konnte nicht so bleiben.

Wenn ich mir schon einstellbare Brems- und Kupplungshebel bestelle, kann man auch gleich noch die Optik etwas aufwerten. Die mehrteiligen Hebel von Raximo sind aus Aluminium gefräst, eloxiert, sowohl in der Griffweite, als auch in der Hebellänge einstellbar, und sollen im Falle eines Umfallers nach oben klappen, anstatt wie die Originale einfach abzubrechen. Und man kann jedes Einzelteil farblich auf sein Motorrad abstimmen. Sie werden also individuell für den Besteller zusammengebaut. Die Montage am Bike war sogar für einem Reparaturlegastheniker wie mich recht einfach zu bewerkstelligen. Beim Bremshebel war es super einfach und beim Kupplungshebel muss man vorher den Bowdenzug verstellen um ihn aushängen zu können. Nach dem Einbau muss man die Kupplung dann natürlich neu einstellen. Fährt jetzt gut und sieht gut aus.

GSX-S 750 mit Original Kupplungshebel
GSX-S 750 mit neuem, einstellbaren Kupplungshebel

Einziger Wehrmutstropfen: Ich muss jetzt immer die ABE (Allgemeine Bertriebserlaubnis) für die Hebel mitführen.

Die E-Nummer aus der Überschrift befindet sich übrigens an den Blinkern. Ich wusste zwar, dass sie da ist, habe sie aber nie gefunden. Heute habe ich die komischen Hubbel auf den winzigen Blinkergläsern mal mit meinem Handy fotografiert. Wenn man reinzoomt, erkennt man die Nummer. Das kann ja lustig werden, falls ich irgendwann in einer Verkehrskontrolle auf einen grummeligen Beamten treffen sollte.

Blinker hinten rechts: Selbst in der Vergrößerung ist die E-Nummer schwer zu erkennen.

Aber mein Herz ist rein – alles ist legal.

Motorradgottesdienst Friedrichswalde 2021

…fiel wie bereits im letzten Jahr wegen Corona aus. Das ist sehr schade, weil es eine wirklich sehr schöne Veranstaltung ist. Auch – aber nicht ausschließlich wegen der Motorräder.

2018

Vor drei Jahren hörte ich zum ersten mal etwas davon, als ich auf dem Turm des Biorama Projektes in Joachimsthal stand. Und zwar wortwörtlich. Ich blickte über die Schorfheide, berauschte mich am Duft der Robinien und fragte mich, weshalb so unglaublich viele Motorräder durch den Ort fuhren. Die Bedienung im Café erzählte mir etwas später, dass das jedes Jahr zum Muttertag so sei, weil der Pastor in Friedrichswalde einen Motorradgottesdienst abhielt.

2019

Vor zwei Jahren bin ich dann selbst hingefahren. Die Veranstaltung fand damals bereits zum 24. mal statt. Ich wusste nicht recht, was mich erwartet, aber die Neugier siegte. Und siehe da – ich fand es richtig gut. Es ist zunächst mal ein entspannter Ausflug in schöner Landschaft. Man trifft Gleichgesinnte. Die Biker waren alle sehr gesittet unterwegs. Keine Möchtegern-Rennfahrer, keine Wheelies, keine Burnouts oder sonstiges Zeug, das Anwohner verdrießlich macht. Stattdessen freundliche Gesichter und Winken in den Dörfern. Keine Selbstverständlichkeit, wenn ca. 1000 Motorräder in ein 800 Seelen Dorf “einfallen”. Das Ganze ist ein richtiges kleines Volksfest mit Livemusik, Bratwurst- und Getränkestand, und allem was so dazugehört. Und auch der Gottesdienst selbst hat mich als Atheist positiv angesprochen. (siehe “Motorradgottesdienst Friedrichswalde 2019“).
Mir war klar – da fährst Du im nächsten Jahr wieder hin.

2020

Tja, leider hatte ein kleines Virus andere Pläne. Alle Veranstaltungen abgesagt – also auch kein Motorradgottesdienst. Der Pastor veröffentlichte ein schönes Video – aber das ist natürlich nur ein schwacher Trost.

2021

Immer noch Corona. Allerfeinstes Wetter ist angesagt – jedoch wieder kein Motorradgottesdienst. Ich bemerkte, daß Pastor Ralf Schwieger auf Facebook einen schönen Text veröffentlicht hat, den man als Einladung verstehen kann, trotzdem in die Gegend zu kommen, um “fröhlich und freundlich” die schönen Strecken zwischen Schorfheide und Templin abzufahren. Dazu gab es den einen oder anderen Hinweis auf interessante Punkte an denen man innehalten oder auch ein Bratwurst bekommen kann. Er schloss mit den Worten: “Ich wünsche Euch allen einen gesegneten Sonntag. Wir sehen uns”.

Kirche Friedrichswalde – auch 2021 ohne Motorräder

Und so kam es dann auch. Da ich wegen des schönen Wetters ohnehin einen Berlin-Fluchtreflex hatte, kam mir dieser Wink mit dem Zaunpfahl sehr recht. Ich habe ich also auf meine Maschine geschwungen, mich mit gefühlt Millionen anderer daran gemacht, Berlin hinter mir zu lassen. Die ersten 15Km waren zäh, doch jenseits von Bernau wurde der Verkehr dann endlich so dünn, dass ich die Fahrt über Landstraßen, durch Dörfer und Wälder genießen konnte. Weder bummelten vor mir Sonntagsfahrer, noch wurde ich von hektischen Einheimischen durch ihr Revier gejagt.

Natürlich waren auch sehr viele Motorräder unterwegs. Häufig in Gruppen, aber soweit ich es beurteilen kann sehr darauf bedacht leise durch die Orte zu rollen und selbst auf der nicht enden wollenden 60er Strecke entlang des Werbellinsees mit geradezu auffallend korrekter Geschwindigkeit.

Na also – geht doch!

Die “Rennleitung 110” war an mehreren Stellen anwesend und führte Lasermessungen durch. Mein Eindruck war, dass sie nicht übermäßig viel zu tun hatten.
Daran mag auch der erste richtig warme Tag des Jahres seinen Anteil gehabt haben. Nach einer recht kühlen und feuchten Woche “explodierte” das Grün regelrecht in der Wärme. Das Bummeln durch die frischen, wohlriechenden Wälder war ein Fest für die Sinne. Wozu sollte man da schnell fahren?

Gegen Mittag erreichte ich den Hofladen Gut Gollin. Passend für ein kleines Mittagsmal. Auf dem Parkplatz standen nur zwei Motorräder – jeweils Moto Guzzi V7. Die eine kam mir recht bekannt vor: Ein auffällig hübscher Umbau mit rotem Rahmen und verchromtem Tank. Die Maschinen gehörten Pastor Schwieger und seiner Frau. Und kaum hatte ich den Helm abgenommen, kamen wir schon ins Gespräch. Wir unterhielten uns natürlich über Motorräder, den Gottesdienst und über Corona. Mich interessierte, wie es sich in einer so dünn besiedelten Gegend auf die Menschen auswirkt. Auch die sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen und Weltsicht der jungen Generation waren ein Thema. Das macht sich auf dem Lande wohl ebenso stark bemerkbar, wie im ach-so hippen Berlin. Als ich mittendrin durchblicken ließ, nicht gläubig zu sein, nahm der Pastor das locker und meinte augenzwinkernd, dass es bei mir ja auch etwas länger gedauert hat, bis ich zum Motorrad gefunden habe.

Treffpunkt Gut Gollin

Es war ein sehr angenehmes, interessantes und anregendes Gespräch mit zwei wirklich sympatischen Menschen. Alleine dafür hat sich die Fahrt schon gelohnt.

Das Gut Gollin vermietet übrigens Baumhäuser. Im Ernst! Also jedenfalls, sobald Tourismus wieder erlaubt ist. Guckt gerne mal auf die Homepage.

Kirche Friedrichswalde ohne Gottedienst

Die weitere Tour führte mich über Templin und Milmersdorf noch einmal nach Friedrichswalde. Ich habe mir noch die Ausstellung in der Kirche angesehen, meinen Teil zur Kollekte beigetragen bevor ich mich wieder auf den Rückweg über Eichhorst, Prenden, Lanke und Bernau nach Hause gemacht habe.

Ein wirklich schöner Tag nach etlichen grauen Wochen, die das Gemüt belastet haben.

Voll / Leer – Eine Ortsbegehung

Berlin nervt. Zu voll, zu viel Verkehr, zu viele Menschen. Immer. Überall.

Am Donnerstag hatte ich das komplette Kontrastprogramm. Ich bin aus Gründen nach Wittenberge im Nordwesten Brandenburgs gefahren um mir die Stadt einmal genauer anzusehen. Die 17.000 Einwohner Stadt liegt an der Elbe ungefähr in der Mitte zwischen Berlin und Hamburg an der Bahnstrecke. Man braucht mit dem Zug in beide Städte jeweils ungefähr eine Stunde. Mit dem Auto deutlich länger, weil man noch ein ganzes Stück über die Landstrasse fahren muss.

Wittenberge liegt in der Prignitz – mit nur 36 Einwohnern pro km2 eine der am dünnsten besiedelten Gegenden in Deutschland. Etwas Flussabwärts auf der anderen Seite der Elbe liegt das ebenfalls sehr dünn besiedelte Wendland in Niedersachsen.

Prignitz – Landschaft

Die Gegend lebt hauptsächlich von Landwirtschaft und (vor Corona) etwas vom sanften Tourismus. Radwandern entlang der Elbe, kleine Städte ansehen – so etwas in dieser Richtung. Touristen sind zur Zeit natürlich nicht zu finden und die paar Läden, die die Stadt hat, waren geschlossen. Daher blieb vor allem ein Eindruck:

Leere.

Blick über Elbe, Hafeneinfahrt / Stepenitz Mündung

Da ich gerade aus dem hypernervigen Berlin kam, war das gefühlt wie eine Vollbremsung aus 180 km/h.

Sehr wenige Menschen.
Wenig Verkehr.
Ruhe.
Unheimlich viel Ruhe.

Früher hatte die Stadt einen aberwitzig großen Bahnhof, ein Eisenbahnreparaturwerk einen Hafen mit Lagerhäusern und Ölmühle und eine große Nähmaschinenfabrik (Singer, später Veritas). Davon sind nur noch der Bahnhof und das Instandhaltungswerk der Bahn in Betrieb. Die Ölmühle ist wohl zu einem Veranstaltungsort mit Hotel umgebaut (und zur Zeit logischerweise geschlossen). Es gibt von der Wirtschaftförderung recht rührige Bemühungen zur Ansiedlung neuer Betriebe und Branchen.

Sanierte Lagerhäuser und neuer Hochwasserschutz an der Elbe

Dennoch ist die Stadt und die Region sehr strukturschwach. Entsprechend ist das Stadtbild. Es gibt viele sehr schön restaurierte alte Gebäude, aber Wittenberge ist noch nicht vollständig saniert. Es gab noch immer etliche baufällige Gebäude und sehr viele Baulücken im zentralen Bereich und unheimlich viel gewerblichen Leerstand.

Schönes altes Kaufhaus – leider leerstehend

Man merkt, dass die Stadt Potential hat und bemüht ist, möglichst viel aus fast nichts zu machen. Jeder Euro ist hier sehr hart erarbeitet. Es bleibt schwierig.

Hier noch ein paar Eindrücke:

Altstadt – Kirchplatz
Noch immer einige unsanierte Gebäude
Altstadt Lagerhaus “Hinter den Planken”
Sehr leckerer Kaffee (hoffentlich übersteht das Geschäft Corona)
Ölmühle – jetzt Hotel und Veranstaltungszentrum

1000 km um Berlin

Ende Juli habe ich meine funkennietennagelneue Suzuki GSX-S 750 bekommen. Und wie es bei fabrikneuen Fahrzeugen so ist – man muss sie erst einmal vorsichtig einfahren. Da ich momentan eigentlich gar nicht so viel unterwegs bin, habe ich in den letzten Wochen einige kleinere Touren in das Berliner Umland unternommen und am letzten Sonntag die 1000km Marke überschritten. Die erste Inspektion hat die Lady nun bekommen und ich könnte nun die Zurückhaltung im Bereich Fahrdynamik sein lassen.

Da war sie nagelneu mit 5km auf dem Tacho

Aber ehrlich gesagt, habe ich gar nicht so großes Verlangen, ordentlich am Gasgriff zu drehen. Die Maschine hat so viel Power hat, dass sie einem auch mit 1/3 Gas schon recht ordentlich die Arme langzieht. Die im Fahrzeugschein eingetragenen 225 Km/h werde ich sicher niemals live erleben, weil es mir ab 120 Km/h ohnehin zu ungemütlich wird. Ich bin ja nicht mehr Anfang 20, dass ich jeden Scheiß ausprobieren muss. Aber darum soll es jetzt auch gar nicht gehen, sondern um die Frage:

Wo bin ich denn überhaupt so lang gefahren?

Ich habe das Berliner Umland in fast jede Himmelsrichtung abgefahren. Die Touren in chronologischer Reihenfolge:


Nordosten: Das Schiffshebewerk Niederfinow

Angefangen hatte ich mit einem klassischen Ausflugsziel für Motorradfahrer, das ich auch schon in der Fahrschulausbildung während meiner Pflichtstunden besucht hatte: Das recht beeindruckende Schiffshebewerk Niederfinow.

Ich wollte mit dem Bike nicht die Hauptstraßen, sondern kleine Nebenstraßen fahren und habe mir bei kurviger.de eine entsprechende Strecke herausgesucht:
Schwanebeck, Birkholz, Börnicke, Tempelfelde, Beerbaum, Heckelberg, Kruge, Hohenfinow, Niederfinow.
Ganz klare Empfehlung:

MACHT DAS NICHT!

Alles was zwischen Birkholz und Hohenfinow liegt kann ich nur als absolut Motorraduntauglich bezeichnen. Es fängt mit sehr(!) holperigem Asphalt an, wird zu einer Schlaglochpiste, die mit max 30Km/h befahren werden kann, streckenweise verschwand die komplette Fahrbahn unter einer 5cm dicken Schicht Rollsplit und zwei Ortsdurchfahrten hatten so übles Kopfsteinpflaster, dass ich ernsthaft überlegt hatte, die 214 Kg schwere Maschine zu schieben, weil ich Angst hatte, mir die Reifen an den scharfkantigen Steinen zu beschädigen.

Interessantes Ausflugsziel: Schiffshebewerk Niederfinow (links alt, mitte neu)

Wenn man um diesem Mist jedoch einen Bogen macht und z.B. die schöne Strecke zwischen Niederfinow und Eberswalde und dann weiter Biesenthal und Bernau wählt, kann man an einem Ausflug dorthin aber viel Freude haben.
Das neue, zweite Schiffshebewerk ist mittlerweile fast fertig. Es gibt also genug zu sehen.

Norden: Ziegeleipark Mildenberg

Ein weiteres interessantes Industriedenkmal liegt rund 80 Km nördlich von Berlin landschaftlich schön zwischen Löwenberger Land und Schorfheide: der Ziegeleipark Mildenberg. Ich war hier bereits zum Chaos Communication Camp 2015 gewesen (seit damals steht das “Neuland Ortsschild” als Kommentar des Chaos Computer Clubs dort). Und genau wie damals war es beim meinem Besuch über 30 Grad warm und sehr trocken. Neben dem Ziegeleipark laden zwei kleine baumbestandene Marinas und ein nettes Restaurant an der Havel zum Verweilen ein. In der Gegend gibt es u.a. durch den Tonabbau recht viele Seen und auf dem Weg fährt man durch viele Waldgebiete. Eine sehr angenehme und entspannte Tour.

Ringofen mit “Neuland”-Schild vom CCC
Ziegeleipark Mildenberg – Blick auf das Gelände
Sportboothafen und Restaurant am Ziegeleipark

Osten: Alt Landsberg

Das war eigentlich nur eine kurze Rundfahrt kurz hinter der Stadtgrenze. Frankfurter Allee nach Osten raus und hinter Hoppegarten nach Norden abgebogen. Durch Neuenhagen und Alt-Landsberg und dann über Ahrensfelde, Lindenberg und Malchow wieder zurück.
Zwar liegt Alt-Landsberg kurz hinter der Stadtgrenze, aber gefühlt ist es recht weit weg. Ein nettes kleines Städtchen und eine schöne kurze Tour. Hier war ich 2003 das erste mal auf einem Chaos Communication Camp – damals noch recht klein und überschaubar auf einer Pferdekoppel, aber auch extrem nerdig und bunt. Von der Tour habe ich leider keine Fotos.

Süden: Bestensee

Den Tag hatte ich mit einem zweiten Frühstück im 45 über Null begonnen. Das ist ein recht origineller Hofladen/ Cafe/ Bar/ Bikertreff in Selchow. Originell insofern, als der Laden am Ende der Startbahn Nord des Flughafens Schönefeld / BER liegt und daher normalerweise ein optimaler Ort für Planespotter ist. Coronabedingt bleibt man dort aber zur Zeit weitgehend vom Fluglärm verschont.

45 über Null – Hühner, Ziegen, Café, Bar, Liegestuhlwiese
45 über Null – Chillen in der Einflugschneise
Die Wiese hat extra Steine für die Seitenständer, damit die Motorräder nicht umfallen.

Von dort habe bin ich weiter nach Bestensee gefahren, um einen Freund zu besuchen, der Berlin mittlerweile hinter sich gelassen hat. Die Landstraßen und Alleen südlich von Berlin sind schön und in wirklich gutem Zustand. Ein schöner Ausflug und ein nettes Wiedersehen.

Südosten um Müggelsee und Dahme

Bei meinen vorletzten Ausflug wollte ich eine Rundtour um Müggelsee und Dahme durch die schöne, Wald- und wasserreiche Gegend südöstlich von Berlin machen um dann über Erkner, Rüdersdorf und Hoppegarten zurück nach Berlin zu fahren. Bei einer Straßensperre kurz vor Erkner klärte mich eine nette Polizistin darüber auf, dass Erkner aufgrund eines Triathlon komplett gesperrt wäre und man den Ort entweder über Köpenick oder über Niederlehme umfahren muss. Das sind mal locker 25 bis 30 Km Umweg. Puh!

Aber ich war ja ohnehin auf einem Ausflug und hatte Zeit. Also bin ich zurück nach Niederlehme und von dort habe ich ausnahmsweise mal ein Stück Autobahn genommen. Über den südlichen und den östlichen Berliner Ring bin ich bis zur Ausfahrt Freienbrink gefahren. Dort ist viel Gegend, ein Logistikzentrum – und die Baustelle von Tesla!

Baustelle Tesla Grünheide am 13.09.2020
Baustelle Tesla Grünheide am 13.09.2020


Also habe ich mich mal an den Bauzaun gestellt um die Wunderbaustelle mal anzusehen. Am Rand der Landstrasse standen viele Autos und Motorräder und bestimmt 50 Leute, die schauten und fotografierten. Die Menschen sind sehr daran interessiert, wie es aussieht, wenn mal etwas richtig gut funktioniert. So etwas ist man in Deutschland ja nicht mehr gewohnt. Das hohe Bautempo scheint übrigens ohne Wochenendarbeit möglich zu sein, denn an diesem Tag bewegte sich dort nichts.

Westen: Wolfslake

Mein letzter Ausflug hat mich zum Jugendspeedway Rennen auf dem Eichenring in Wolfslake geführt. Zunächst habe ich aber ziemlich deppert angestellt. Um das Dorf überhaupt zu finden, bin ich gefühlt eine Stunde immer drumherum über andere Dörfer gefahren und habe den entscheidenden kleinen Pfad dorthin x mal übersehen. Irgendwann habe ich eingesehen, dass es doch der kleine Feldweg aus zwei parallelen Betonstreifen sein muss.

Aber bin ich überhaupt auf Speedway gekommen? Auf den Berliner Motorrad Tagen hatte das Team von Wolfslake einen Stand und ich bin neulich auch noch über den Youtube Kanal von Egon Müller gestolpert. Der war in den 70ern schon das Idol von meinem besten Kumpel. Im zarten Alter von 9 Jahren sind wir zusammen mit seinem Vater beim Grasbahnrennen gewesen. Damit es uns nicht zu langweilig wurde, durften wir (natürlich auf dem Gelände rund um die Rennstrecke) mit einem Mofa herumfahren, das wie ein kleines Motorrad aussah – eine Garelli Bonanza. Damals habe zwei Dinge gelernt: Motorräder sind cool – und ein Auspuff ist heiss und man kann sich daran verbrennen.

Ein bisschen Nostalgie war also dabei. Und in Wolfslake war das Gefühl ähnlich: Irgendwas zwischen Rennatmosphäre und Familienausflug. Die Action kommt in Wellen. Erst ist es sehr nett und chillig, dann kommt etwas Unruhe auf und kurz darauf wird es laut. Und wenn die Kids wieder von der Bahn runter sind, wird es wieder entspannt und die Aschebahn wird wieder geglättet und befeuchtet.

Speedway Wolfslake – Das Fahrerlager
Speedway Wolfslake – familiäre Atmosphäre
Speedway Wolfslake – Vorstellung der jugendlichen Fahrer des Nachmittages

Zwei Sachen haben mich beeindruckt: Selbst die kleinen unter 10 Jahren (der jüngste Teilnehmer war 4 Jahre alt!) drehen den Gashahn ordentlich auf und driften quer um die Kurve, als ob es kein Morgen gibt. Und es ist kein reines Jungshobby mehr. Es waren so einige Mädchen am Start und die fuhren ganz vorne mit. Super!

Nachschlag: Demonstrationen gegen geplante Motorrad Fahrverbote

An diesem Wochenende gab es – sozusagen als “Nachzügler” zum den Demos vom 04.07. – noch ein paar weitere Demonstrationen gegen die geplanten Motorradfahrverbote. Leipzig war mit offiziell 16.000 (!!) Teilnehmern dabei und auch in Berlin gab es erneut eine Demo. Auch wenn wir bei weitem nicht die Teilnehmerzahlen von Leipzig, Stuttgart oder Düsseldorf erreichen, so waren es doch immerhin wahrscheinlich 2.000 Teilnehmer. Offizielle Zahlen habe ich noch nicht, aber der Olympische Platz war voll!

Nach und nach füllt sich der Olympische Platz
Während der Ansprache vom BVDM

Die Strecke führte vom Olympischen Platz (vor dem Olympiastadion) über Theodor-Heuss-Platz 7km schnurgeradeaus über Kaiserdamm, Bismarckstraße und Straße des 17. Juni bis zum Brandenburger Tor.

Nach der Ankunft am Brandenburger Tor

In den letzten Wochen haben bundesweit bei vielen Aktionen weit mehr als 100.000 Motorradfahrer gegen Fahrverbote demonstriert. Die Zahl ist schon beeindruckend.

Noch wichtiger:
Alle Demos verliefen ruhig und friedlich.
Nirgends gab es Ausschreitungen, Pöbeleien, Rangeleien mit der Polizei, zurückgelassene Müllhalden oder sonstige Probleme. Es gab weder hochdrehende Motoren, noch Wheelies noch sonstige pubertären Einlagen.

Das ewige Trauerspiel: Unsachliche Berichterstattung durch die Medien

100.000 friedlich demonstrierende Menschen. Und trotzdem hören die Medien nicht auf, die Demos kleinzuschreiben, am Thema vorbeizuschwadronieren bis kurz vor die Verleugnung. Beispiele:

  • Bild schreibt von 5.000 Teilnehmern in Leipzig, obwohl selbst die Polizei 16.000 gemeldet hatte.
  • Immerhin hatte Bild aber die zentrale Forderung verstanden und konnte sie wiedergeben, was Christian Stöcker in seiner Kolumne im Spiegel nicht gelang. Er entblödet sich nicht, sein wirres Geschreibsel mit dem Satz “Deutsche Motorradfahrer demonstrieren zu Tausenden für ihr Recht, weiterhin überall und immer Lärm machen zu dürfen” einzuleiten. Nicht zugehört, nicht nachgefragt, nichts verstanden.
    Thema verfehlt. 5 Minus Herr Stöcker – setzen!
  • In einer anderen Publikation (habe mir leider nicht mehr gemerkt wo) musste der Autor schwülstig von “testosterongetränkter Stimmung” und “Schwanzverlängerung” schreiben. Man kann sich natürlich in seinen eigenen Vorurteile suhlen, aber man könnte auch einfach mal hinkommen und erstaunt feststellen, wie viele Frauen mittlerweile Motorrad fahren. Und zwar auch gerne die großen Kaliber.
  • Kein Einziger Bericht, den ich gesehen habe, hat sich wirklich inhaltlich mit dem Thema auseinandergesetzt. Den Forderungskatalog des Bundesrats mit dem geltenden Recht abgeglichen, Betroffene befragt (weder Streckenanwohner, noch Motorradfahrer) oder sonstwie recherchiert.
  • Die ständigen scheinbar subtilen Seitenhiebe und handwerklichen Ungenauigkeiten in der täglichen Berichterstattung tragen zur Verunglimpfung bei. Wenn z.B. in einer Überschrift steht “150 Raser bei Verkehrskontrollen geschnappt”, das Aufmacherfoto selbstverständlich einen Motorradfahrer zeigt, aber von den 150 erwischten nur 20 Motorradfahrer waren. Oder in jeder Randnotiz das Wort “rasen” steht, anstatt “fahren”. Das ist negtives Framing und es findet ständig statt.

Sicher – man muss Motorräder nicht mögen. Man kann sie auch für überflüssig halten. Ich halte auch so einiges in diesem Land für überflüssig. Ich erwarte von Journalisten aber, dass sie ihren Job machen, sich die Zeit nehmen, die Argumente zu verstehen und diese auch dem Leser mitzuteilen. Einfach nur Meinung abzusondern und auf Gruppen rumzuhacken ist in meinen Augen unprofessionelles Geschreibsel auf dem Niveau von “Giesela’s Dorfblog” oder schlicht Propaganda.

Bitte nicht vergessen – Motorräder haben auch Vorteile

Und noch etwas wäre wichtig: Es wird immer so getan, als ob jedes Motorrad ein eigentlich überflüssiges Hobbygerät wäre.
Für viele ist es auch einfach die günstigste Möglichkeit, selbstbestimmt motorisiert von A nach B zu kommen. Für Jugendliche auf dem Land sogar die einzige. Man schaue sich unter der Woche mal vor den Berufsschulen um.
Zum Thema Umwelt: Sie verbrauchen erheblich weniger Rohstoffe und weitaus weniger Treibstoff, als ein Auto und benötigen kaum mehr Stellfläche, als ein Fahrrad.

Mein Fazit

Schön, dass wir mal gezeigt haben, wie viele wir sind und was uns wichtig ist. Auch wenn das Thema in vielen Medien völlig verzerrt wiedergegeben wurde – ich hoffe, dass die politisch verantwortlichen die Position verstanden haben.
So – und jetzt lasst uns zusammensetzen und Lösungen finden. Das wird sicherlich an vielen Stellen schwierig, aber so ist Demokratie nun mal – anstrengend.

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