tiny little gizmos

Dresden

Ende letzter Woche bin ich beruflich nach Dresden gefahren. Anlass war, dass mein komplette Team den PHP Developer Day 2026 besucht hat, der von der PHP Usergroup Dresden organisiert wurde. Zu dieser Veranstaltung werde ich vermutlich noch einen eigenen Artikel schreiben.
Hier geht es nur darum, wie ich die Stadt wahrgenommen habe, denn ich war zuvor noch nie dort.

Semperoper am Abend

Von Berlin nach Dresden – aber wie?

Die knapp 200 km alleine mit dem Auto zu fahren und dann €50,- nur dafür zu zahlen, damit die Kiste zwei Tage in der Hoteltiefgarage steht fand ich nicht so gut.

Bahnfahren fand ich auch nicht gut.
Also im Prinzip fände ich es schon gut, weil das für die Strecke eigentlich die erste Wahl gewesen wäre. Aber die Bahn…

Mein Kollege, der die Bahn gebucht hatte, bekam das mittlerweile übliche Abenteuerpaket dazu: Der gebuchte Zug fiel kurzfristig aus und der nächste war dafür doppelt so voll und auch noch verspätet.

Leider bleibe ich dabei – Bahnfahren geht einfach GAR NICHT.

Ich hab mich letztlich für den Flixbus entschieden und das war goldrichtig. Von Berlin Alexanderplatz nach Dresden Hauptbahnhof hin- und zurück für unter €30,-. Etwas langsamer, aber pünktlich, sauber, bequem.

Erste Annäherung

Nachmittags aus Berlin raus zu kommen ist einfach nur zäh und nervig, aber auf der Autobahn ging es trotz vieler Baustellen ohne Probleme vorwärts. Die Fahrt durch Brandenburg und die Lausitz ist landschaftlich recht ereignislos: Flach, Kiefern und Felder. Das war’s.

Die Halbleiterindustrie bei Dresden wächst und gedeiht.

Erst kurz vor Dresden wird es etwas hügeliger und spannender. Am nördlichen Stadtrand fuhren wir an einer wirklich großen Baustelle vorbei. Hier baut ESMC eine neue Chipfabrik gleich neben Bosch Semiconductor. Etwas weiter hinten ist die Chipfabrik von Global Foundries und auf der anderen Seite hinter dem Wald steht die Chipfabrik von Infineon. Der ganze Industriecluster („Silicon Saxony“) rund um Dresden stellt zusammen ca. 1/3 der Mikroelektronik Bauteile in Europa her. Hier ist in den letzten 35 Jahren wirklich etwas modernes und wichtiges aufgebaut worden. Das ist so wichtig in Zeiten, wo man das Gefühl hat, dass Deutschland nur noch hinterherhinkt und seine komplette Industrie abwickelt. Respekt!

Angekommen

Der Bus hat seinen Haltepunkt genau am Hauptbahnhof von Dresden. Der Bahnhof selbst ist nicht allzu groß, aber wirklich schön saniert und gepflegt.

Dresden Hauptbahnhof – die Gleishalle

Dresden Hauptbahnhof – Bahnhofsgebäude

Das macht Lust auf das klassizistische Dresden. Wenn man auf den Bahnhofsvorplatz tritt um in Richtung Altstadt zu laufen wird man aber zunächst mit modernen Gebäuden konfrontiert. Das ist wenig verwunderlich, da von der historischen Innenstadt nach den Bombardierungen der Alliierten gegen Ende des zweiten Weltkrieges kaum etwas übrig blieb. Die Prager Straße fängt mit gläsernen Konsumtempeln aus der Nachwendezeit an. Dazwischen reinster 60er Jahre Städtebau. Nicht ganz so, wie erwartet, aber die Fußgängerzone ist belebt, gepflegt und sauber und hat fast keinen Leerstand.

Dresden Prager Straße: DDR Moderne zwischen Hauptbahnhof und Altstadt
DDR Moderne – top gepflegt

Weiter nordwärts geht es zunächst über die die breite Waisenhausstraße und dann weiter zum Altmarkt. Hier ist ein großer Teil der Bebauung im stalinistischen Zuckerbäckerstil. Das ist zwar noch nicht ganz Altstadt, aber auch recht ansprechend. Mein Hotel lag neben dem Gewandhaus an der Ringstraße.

Stalinistische Nachkriegsbauten – ebenfalls Tiptop.

Abends hat uns ein Kollege, der in der Stadt wohnt, abgeholt. Wir haben zunächst einen Irish Pub besucht um etwas zu Essen und zu trinken. Abschließend haben wir noch eine kleine Stadtführung bekommen. Auch hier wieder abwechselnd DDR Moderne (Kulturpalast), rekonstruierte Geschichte um den Neumarkt mit Frauenkirche und wirklich historische Gebäude mit Schlossplatz und Semperoper entlang der Elbe.

Dresden Neumarkt mit Frauenkirche

Den Freitag haben wir auf der Konferenz verbracht und sind Abend noch einmal zusammen Essen gegangen.
Bevor ich Samstag Mittags die Heimreise angetreten habe, konnte ich den wundervollen, sonnigen Vormittag dazu nutzen, die Innenstadt noch einmal bei Licht und auf eigene Faust zu erkunden. Vorbei an Alt- und Neumarkt, dem Kulturpalast aus dem Jahr 1969, der am Donnerstag Abend hell erleuchtet und gut besucht war.

Dresden Kulturpalast

Weiter ging es Richtung Elbe. Der Brühlsche Garten ist ein hübscher kleiner Park vor dem Albertinum, von dem aus man einen tollen Ausblick über das Elbtal hat. Nur wenige Schritte weiter kommt man zum malerischen Schlossplatz mit der Kathedrale.

Blick über die Elbe – ohne Carolabrücke

Am Schlossplatz mündet die Augustusbrücke. Zahlreiche Passanten blieben stehen und hörten einem kleinen Streichorchester zu, das ein Potpourri klassischer Musikstücke spielte. Zuerst dachte ich, dass es Musikstudenten seien, aber als ich direkt davor stand, merkte ich, dass es eher noch Kinder und Jugendliche waren. Neugierig erkundigte ich mich bei einem der Betreuer, der etwas abseits stand.

Dresden Schlossplatz mit Kathedrale

Ich war etwas erstaunt, wie gemischt die Gruppe war. Mehrere Mädchen mit Kopftuch, eine junge Dame mit dunkler Hautfarbe und zwei Asiaten waren dabei. Das ist etwas, das ich bei deutscher klassischer Musik nicht unbedingt erwartet hätte.

Der Betreuer meinte, dass sie ursprünglich einfach nur Kinder für Klassik begeistern wollten. Die Mischung habe sich dann einfach ergeben. Zumal die Unterschiede nicht nur die kulturelle Herkunft sondern auch Einkommens- und Bildungsniveau und politische Meinungen betrifft. Aber die Kinder sind interessiert und haben Freude daran, zusammen zu musizieren. Die Eltern stehen dann eben auch zusammen, wenn sie die Kinder von den Proben abholen.

Dresden – Kinder- und Jugendorchester

Das fand ich auf so vielen Ebenen gut, dass ich spontan etwas gespendet habe.

Leider musste ich dann doch so langsam in Richtung Bahnhof, um die Rückfahrt anzutreten.

Mein Eindruck

Mir hat die Dresden sehr gut gefallen. Nach Leipzig bereits die zweite Stadt in Sachsen, von der ich positiv überrascht war. Und so unterschiedlich die beiden Städte auch sind, ist mir doch aufgefallen, weshalb ich sie mag:

Dresden und Leipzig sind die positive Antithese zu Berlin.

Dresden und Leipzig sind sauber und gepflegt. Berlin ist nahezu überall dreckig und rotzig.

Dresden und Leipzig respektieren ihre Vergangenheit. Egal ob Gebäude auf August dem Starken zurückgehen, aus der Gründerzeit sind oder zur DDR Moderne gehören – alles wird instand gesetzt und gepflegt.
In Berlin wurde und wird weiterhin versucht, die DDR möglichst aus dem Stadtzentrum zu tilgen.

Und das, was das vorhandene ersetzt hat ist nahezu immer schlechter, dichter, aufdringlicher. Nirgends wir Platz gelassen, Überall wird schnell noch ein billiger 08/15 Bau dazwischen gequetscht. Die verbliebenen Flächen sind ungepflegt oder Dauerbaustelle auf der nichts passiert.

Berliner Stadtplanung ist nicht nur zum Erbrechen respektlos, sondern zudem unfassbar öde und einfallslos.

Und so wird die die Stadt von vielen Einwohnern und durchreisenden auch behandelt. Gleichgültig und respektlos. Sperrmüll und Graffiti (nein, ich finde das immer noch hässlich und anmaßend – wie bereits damals in den 80er Jahren) ist in Berlin wirklich überall – ich kann mich nicht erinnern, so etwas Dresden gesehen zu haben.

Viele Berliner stört das nicht mal, aber wenn tatsächlich ein moderne Fabrik an den Stadtrand gestellt wird, gibt es jahrelang erbitterten Widerstand von Bürgerinitiativen und Anschläge auf die Stromversorgung.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Dresden Bürgerinitiativen gibt, die mit allen Hebeln versuchen, die modernen Chipfabriken zu verhindern.

Nach der Wende ist sehr viel Geld in Dresden und Leipzig investiert worden – und es hat sich gelohnt. Die Städte sind Tip top in Schuss.
OK, das mit der Carolabrücke war natürlich nicht so toll, aber in Berlin sind auch 2/3 der Brücken am Ende.

In Berlin werden irrsinnige Massen von Geld investiert und irgendwie sinkt die Lebens- und Aufenthaltsqualität hier spätestens seit den später 2000er Jahren beständig.

…jetzt mal was schönes!

Die Politik, die Wahlen, die Medien, der gesellschaftliche Stumpfsinn in allen Lagern und der ganze S(#1@§ geht mir soo auf den Zeiger. Das macht einen nur noch B3%077! im Kopf.

Darum jetzt mal was schönes!

Ich war gestern zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Und diese Feier war sehr schön und hat mich emotional berührt!

Dabei fing es im Juni eigentlich sehr unschön mit einer Trauerfeier an. Ich hatte die Verstorbene zwar seit über 25 Jahren nicht mehr gesehen, aber wir haben uns beide in den 90ern im Jugendclub „Atelier 89“ in Berlin Prenzlauer Berg engagiert. Es war eine sehr intensive und für mich wichtige Zeit und ich wollte ihr die letzte Ehre erweisen.

Trotz der 40 Grad Hitze kamen damals ca, 50 Menschen auf den Pankower Friedhof. Darunter waren natürlich auch einige aus den alten Jugendclubzeiten. Traurige Gesichter, Einige Tränen. Eine Umarmung „Schön dass Du gekommen bist“. Und dann habe ich noch eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier bekommen.

Die Geburtstagsfeier fand gestern Abend im „Mauersegler“ statt – einer Gaststätte am Mauerpark in Prenzlauer Berg. Für die Nicht-Berliner: Das ist eine Gegend, die am Samstag Abend von feierwütigem Jungvolk beinahe überrannt wird. Wir hatten aber unseren eigenen, abgetrennten Bereich für uns. Jeder hat etwas Essen mitgebracht – es waren riesige Berge. Getränke gab es an der Bar und nach einiger Zeit hat auch ein DJ aufgelegt.

Das Geburtstagskind (eigentlich waren es zwei, aber will das hier nicht zu kompliziert machen) kannte ich aus der Jugendclubzeit und einen guten Anteil der Gäste ebenfalls. Der Abend hat sich zu Beginn ein bisschen wie ein Klassentreffen angefühlt. Man sieht Leute in den 50ern, mit denen man Anfang 20 eine sehr intensive Zeit verbracht hat. Bei einigen kommt man nicht sofort auf den Namen. Es fehlen irgendwie knapp 30 Jahre, aber man kommt trotzdem gleich ins Gespräch. Man bestaunt, was man beruflich erreicht hat und wohin es einem im Leben verschlagen hat, dann im Prenzlauer Berg wohnt kaum noch jemand. Viele haben auch Berlin verlassen.
Und während dieser Gespräche erkennt man durch die Falten und teilweise grauen Haare immer noch die Person von früher. An bestimmten Gesten, an der Art des Lachens oder anderen Kleinigkeiten.

Ein Gast, der nicht zur damaligen Atelier Clique gehörte, meinte zu mir, er würde erkennen wer damals im Club dabei war. Am Tanzstil!

Da musste ich lachen, aber es ist was dran. Wenn wir damals Dienst hatten und ein Song gespielt wurde nach dem man unbedingt tanzen wollte, hat man sich (wenn es gerade ging) kurz abgemeldet, ist auf die Tanzfläche gesprintet und nach dem Song wieder zurück um den Dienst weiter zu machen. Das haben alle so gemacht, egal ob sie an dem Abend Bar, Einlass oder sonstigen Dienst hatten.
Dabei war es dann auch egal, ob die Tanzfläche gerade voll oder total leer war. Zur Not war man eben vier Minuten alleine auf der Tanzfläche und wurde vom Publikum angeguckt. Das härtet ab.
Für verschämtes Rumstehen am Rand und, „ach ich guck mal, ob jemand tanzt“ war keine Zeit.

Und so habe ich gestern den Eintänzer gemacht – zu „Kebap Träume“ von den Fehlfarben und spätestens bei „After The Sunset“ von Die Vision (einem DDR Crossover Song aus der Wendezeit) war die Tanzfläche voll. Der Abend war geprägt von Alternative, etwas Electronic, Punk und Metal. Also ungefähr wie damals – Tanztee für Generation X :-D

Gefühlsmäßig war das schon eine Zeitreise und ich habe sie sehr genossen, obwohl ich nicht zu übertriebener Sentimentalität und „damals war alles toll“-Gefasel neige.

Die 90er Jahre im Prenzlauer Berg waren eine wirre Zeit voller Umbruch und Unsicherheiten. So irre, dass man das jungen Leute kaum noch erklären kann. Die Gegend sah aus wie direkt nach dem Krieg. Niemand hatte damals normale Arbeit – wirklich niemand. Wer Karriere machen wollte ist in den Westen gegangen. Wer blieb, hatte sich in die Uni geflüchtet, manche konnten eine ABM Stelle ergattern, einige haben in Kneipen gejobbt, aber keiner hatte wirklich Geld in der Tasche.

Trotzdem – oder genau deshalb – waren wir nur am Feiern. Die Wohnungen hatten Ofen und Außenklo, aber waren spottbillig. Wir waren jung und haben das beste daraus gemacht.

Ganz lieben Dank an das Geburtstagskind für diesen Flashback.

20 jähriges Jubiläum

Ich habe gerade festgestellt, dass mein Blog mittlerweile sein 20 jähriges Jubiläum hinter sich hat.

Mein erstes Posting („Jetzt geht’s loooos…„) habe ich am 16. Juli 2006 online gestellt. Damals wollte ich eigentlich nur berichten, was mir bei beim schreiben meiner Diplomarbeit auffällt.

Es kam anders.
Die Diplomarbeit habe ich in einem Rutsch runtergeschrieben und nichts nebenbei gemacht. Stattdessen habe ich einfach immer weiter von Dingen berichtet, die mich gerade irgendwie interessieren oder bewegen.

In den 20 Jahren habe ich das Blogsystem gewechselt, den Provider gewechselt, etliche Betriebssystemupdates und zwei Hackerangriffe erlebt.

Macht immer noch Spass.

Distinguished Gentlemens Ride Berlin 2026

Mit hunderten Gleichgesinnten im feinen Zwirn Motorrad fahren und dabei Gutes zu tun, klingt gut. Daher habe ich am Sonntag, den 17. Mai meine Triumph geputzt, mich selbst in Schale geworfen und bin den Distinguished Gentlemens Ride in Berlin mitgefahren.

Fertig zur Abfahrt zum DGR

Worum geht es?

Der Distinguished Gentlemens Ride (kurz: DGR) ist eine Wohltätigkeitsveranstaltung von Motorradfahrern, bei der Spenden zur Förderung der Männergesundheit gesammelt werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Prostatakrebs- und Suizidprävention. Neben der Spendensammlung soll durch die gemeinsame Ausfahrt das Bewusstsein für diese wichtigen, häufig tabuisierten Themen gestärkt werden.

Vor 15 Jahren wurde der DGR in Sidney zum ersten Mal durchgeführt. Die Idee kam gut an und verbreitete sich rund um die Welt. in diesem Jahr waren 130.000 Teilnehmer in 1.070 Städten dabei, und es wurden insgesamt $7 Mio Spenden gesammelt. Alleine in Berlin waren es 500 Teilnehmer und über €20.000,-

Stilfragen

Gefragt sind gute Manieren und gutes Aussehen. Die gemeinsame Ausfahrt soll Passanten ein positives Bild vermitteln. Dazu werden die Teilnehmer gebeten, möglichst mit gepflegten, klassischen Motorrädern teilzunehmen und dabei anstatt der normalen Motorradkluft betont feine Kleidung zu tragen. Gerne gesehen sind Tweed, Anzüge, Westen, Accessoires wie Fliegen, Einstecktücher, Monokel, Pfeifen und was sonst so den vornehmen Herrn ausmacht. Abgesehen von Thema und Titel der Veranstaltung sind natürlich auch vornehme Damen gerne gesehen und es waren auch erfreulich viele auf eigenem Kraftrad dabei.

Gemeinsames Schlendern während die anderen Teilnehmer eintrudeln

Mindestens genauso wichtig wie gutes Aussehen ist natürlich gutes Benehmen. Bei der Ausfahrt sind Wheelies, hochdrehen der Motoren und ähnlich unschönes Verhalten Tabu. Rücksichtsvolles, gesittetes Fahren ist angesagt. Die 500 Teilnehmer hielten sich auch daran. Als man in Kreuzberg einem Feuerwehrzug Platz machen musste, geschah das ruhig und sehr zügig, ohne dass jemand organisatorisch hätte eingreifen müssen.
Mir schien, dass dieses rücksichtsvolle und entspannte Auftreten auch die gewünschte Wirkung auf die Passanten hatte: Es wurde viel gewunken und gefilmt und ich habe nur sehr wenige angenervte Gesichter gesehen. Nicht selbstverständlich, bei der etwas zweifelhaften Reputation, die Motorradfahrer bei einigen Mitmenschen haben.

Treffpunkt

Treffpunkt war die Ladestrasse des Deutschen Technikmuseums. Während die Teilnehmer ab 10:30 langsam eintrudelten, schlenderte man auf und ab, schätze die Mühe, die sich die Teilnehmer mit ihrem Outfit gemacht hatten und bestaunte die schönen Maschinen. Es gab viel Triumph, BMW und Moto Guzzi zu sehen, einige Vespa, etliche wirkliche Oldtimer und – wie einer der Ordner bemerkte – werden es von Jahr zu Jahr mehr Royal Enfield. Kein Wunder, bei der schicken Modellpalette.

Alte Moto Guzzi und Triumph, aktuelle Royal Enfield
Eine alte Horex
Perfekte Custom BMW R100

Ablauf

Nachdem die Ladestraße auf beiden Seiten fast in voller Länge mit Motorrädern zugeparkt war, wurde es Zeit für die Ansprache. Jan Schaumann, der Organisator des Berliner Rides, sprach von Sinn und Zweck der Veranstaltung. Das große Problem der Männergesundheit ist nicht so sehr, dass etwas passieren kann, sondern dass Männer häufig so erzogen wurden, in Krisensituationen stark zu wirken.

Ansprache vom Veranstalter

Das führt häufig zu Verdrängung und Leugnung, bis man irgendwann keinen Ausweg mehr weiß. Jan erzählte von einer Situation, die er selbst durchlebt hat und die ihn dazu gebracht hat, den DGR in Berlin zu organisieren. Als er von einer kritischen Situation während einer Autobahnfahrt erzählte, kam ich mir etwas ertappt vor, weil ich einmal ähnliches erlebt und gefühlt hatte. Mit 180km/h auf der Autobahn zum nächsten Termin zu hetzen, und plötzlich kommt dieser blitzartige Gedanke, wie es wohl wäre, jetzt einfach gegen den nächsten Betonpfeiler zu fahren.
Glücklicherweise hatte ich nie den Anspruch an mich selbst, ein „harter Kerl“ zu sein und ich teile mich auch anderen Menschen mit, wenn es mir mal nicht so gut geht, bevor die Situation eskaliert. Aber ich kann das Problem sehr gut verstehen.

Zum Schluss der Rede ging es noch einmal um organisatorisches, rechtliches und gewünschtes Verhalten während der Ausfahrt. Kurz darauf begaben sich alle zu ihren Maschinen, machten sich in aller Ruhe abfahrbereit und erst auf ein Signal des Veranstalters wurden die Motoren gestartet.

Abfahrt am Deutschen Technikmuseum

Die Ausfahrt begann um 13:30 am Deutschen Technikmuseum in Kreuzberg und führte zum Craftwerk (Bikertreff und Selbsthilfewerkstatt) in Lichtenberg. Auf direktem Weg wären das ca. 10km, aber die genehmigte Route hatte eine Gesamtlänge von 40km und führte kreuz und quer durch die Stadt. Wir fuhren über den Potsdamer Platz, durch den Tiergarten um den großen Stern, vorbei am Brandenburger Tor, Unter den Linden entlang zum Alexanderplatz. Es ging weiter durch Kreuzberg, einmal um den Treptower Park herum und schließlich durch Friedrichshain bis nach Lichtenberg.

Die Ausfahrt wurde von der Berliner Polizei begleitet und gesichert. Anfang und Ende der Kolonne wurde durch Polizeiwagen markiert. Das Freihalten der Strecke und die Sperrung der Kreuzungen übernahmen Polizisten der Berliner Motorradstaffel.

Das Fahren im geschlossenen Verband (§27 StVO) ist etwas besonderes. Alle Fahrzeuge zwischen Führungs- und Schlussfahrzeug zusammen gelten rechtlich als eine Einheit die nicht getrennt werden darf. Das bringt einige Besonderheiten mit sich: Querverkehr muss warten, bis der komplette Verband vorbei ist, niemand darf sich dazwischen drängen, rote Ampeln gelten nicht, an einigen Stellen wurde auch die Gegenfahrbahn mitbenutzt und wenn einem die Polizisten auf den Motorrädern signalisieren, dass man aufschließen soll um Lücken zu vermeiden, wurde es auch mal kurz schneller als 50 Km/h.

Das klingt wild und rasant – aber der überwiegende Teil der Strecke wurde mit ca. 20-30km/h oder sogar noch langsamer gefahren. Für einige ältere oder sportliche Motorräder ist das durchaus nicht unproblematisch, weil man sehr viel mit schleifender Kupplung fahren musste und die luftgekühlten Motoren zu wenig Fahrtwind abbekamen. Trotzdem ist wohl niemand liegen geblieben.

Ankunft und Abschluss am Craftwerk

Die Fahrt- und damit auch die offizielle Veranstaltung – endete im Hof des Craftwerk in der Josef-Orlopp-Straße. Es wurde den Organisatoren, den Teilnehmern und Spendern gedankt und ausdrücklich mit Applaus auch der Berliner Polizei und der Motorradstaffel.
Der Rest der After Ride Party feierte man gemeinsam die gelungene Ausfahrt und schöne Wetter. Für Essen und Getränke war gesorgt.

Mein persönliches Fazit: Der Distinguished Gentlemens Ride ist eine schöne Veranstaltung die Spass macht und einem guten Zweck dient. Der Termin für das nächste Jahr wurde auch bereits bekanntgegeben:
Es wird Sonntag, 16. Mai 2027.

Merken! ;-)

Motorradgottesdienst Friedrichswalde 2026

Am 10. Mai war Muttertag. Wie meistens in den letzten Jahren habe ich den Tag genutzt um mich auf mein Motorrad zu schwingen und Berlin in Richtung Norden zu verlassen. Die Tour führte mich wieder in Richtung Schorfheide und noch ein Stück weiter nach Friedrichswalde.

Das Wetter war perfekt für die entspannte Ausfahrt durch die schöne, frühlingsfrische Landschaft: Trocken und weder zu kalt, noch zu warm. Ich fuhr über Alleen, vorbei an Feldern, durch kleine Orte und Wälder, entlang am Werbellinsee um schließlich vor der Kirche in dem 700 Seelen Dorf Friedrichswalde anzukommen.

Angekommen – meine hübsche Triumph und ich

Im Gegensatz zu den letzten beiden Malen fuhr ich in diesem Jahr wieder alleine. Das war nicht weiter schlimm, denn rund um die Dorfkirche Sankt Michael traf ich auf hunderte gleichgesinnte Motorradfahrer jeglichen Alters und Geschlechts. Schnell kommt man bei einer Bratwurst oder beim Betrachten einer wunderschön restaurierten alten Jawa ins Gespräch über dies, das oder jenes.

Motorräder, so weit das Auge blickt

Dazu gab es wieder Livemusik auf dem Dorfplatz. Mit Kaffee, Kuchen und Grillgut.

Ein hübsches Dorffest mit guter Laune

In einem kurzen Gespräch mit Pfarrer Ralf Schwieger haben wir zunächst über mein neues Motorrad und die Möglichkeit, doch mal ein Auge auf elektrische Antriebe zu werfen, gesprochen. Dann kamen wir natürlich auch noch zum Thema „Glaube“. Das ist etwas, mit dem ich durchaus hadere.

Ich bin getauft, habe aber damals den Konfirmationsunterricht abgebrochen und bin auch aus der Kirche ausgetreten. Ich wollte wissen und nicht glauben. In jungen Jahren war ich der Überzeugung, dass Religion in der modernen Welt keinen Platz mehr hat. Wie falsch kann man mit seinen Ansichten liegen?

Nun bin ich ein paar Jahrzehnte Älter geworden und die Tatsache, dass ich nun doch hin und wieder einen Gottesdienst besuche (einmal im Jahr hier) zeigt, dass ich manche Dinge mittlerweile ein wenig anders sehe. Zwar kann ich für mich selber immer noch nicht so viel mit Religion anfangen, aber das Leben formt einen.

Ich erkenne häufiger in Dingen, die ich früher einfach als selbstverständlich hingenommen habe, plötzlich Kraft und Schönheit. Zum Beispiel die ersten Krokusse nach dem Winter, eine entspannte Fahrt durch die frische Frühlingslandschaft, an einem ruhigen See zu sitzen und auf das Wasser zu schauen oder mit Freunden ein paar gemeinsame Stunden verbringen zu können.

Diese Schönheit wird immer wertvoller, weil ich merke, wie die Zeit verrinnt und der Tod nicht nur ein abstraktes Konzept ist. Es hört ja nicht auf, nachdem die Großeltern und Eltern gestorben sind. Man kann dann kurz Luft holen und es geht weiter. Der Tod hat sich in den letzten Wochen gleich mehrere Menschen geholt, mit denen ich noch vor wenigen Jahren viel Zeit verbracht habe. Daher hatte die Schweigeminute im Gottesdienst in diesem Jahr leider noch mehr Bedeutung als ohnehin.

Kurz vor dem Gottesdienst

Man gewöhnt sich nicht daran, Weggefährten zu verlieren, während der eigene Körper die ersten (oder zweiten) Probleme macht. Man beginnt sich bei jedem Wiedersehen insgeheim zu fragen, wie oft man noch die Gelegenheit haben wird, miteinander zu feiern und Freude zu haben. Und dieses Gefühl der Unvermeidbarkeit des Todes und der Schönheit neuen Lebens ist groß und will irgendwo hin. Daher habe ich mittlerweile durchaus Verständnis für den Wunsch nach Glauben und Religion. Zumal das eben auch das soziale Miteinander stärkt, das in unserer Zeit an allen Ecken und Enden erodiert.

Und deshalb hat es mich bewegt, als Renate Schwieger von einem Einsatz zu dem sie als Notfallseelsorgerin gerufen wurde, erzählt hat.

Bewegende Worte im Gottesdienst

Und deshalb habe ich auch der Taufe vor dem Gottesdienst beigewohnt. Das war zwar bei weitem nicht die erste Taufe, bei der ich anwesend war, aber die erste, bei der ein erwachsener Mensch getauft wurde.

Und daher ist es mir eben doch wichtig, an dem Motorradgottesdienst teilzunehmen. Auch wegen der Ausfahrt und den Motorrädern – aber eben nicht nur deshalb.

Es war ein bewegender und schöner Tag für mich, und ich hoffe auch für all die anderen Teilnehmer.

Superbooth 2026

Vom 7. bis 9. Mai fand in der Berliner Wuhlheide wieder die Superbooth statt. Ich war am Samstag dort. Diese Messe rund um elektronische Musik hat einen sehr speziellen Charakter. Irgendwo zwischen Festival und entspanntem Szenetreff – so wie ich es bereits in zwei Artikeln aus den Vorjahren („Die wahrscheinlich lässigste Musikmesse der Welt“ und „Superbooth 2025„) beschrieben habe.

Diese Messe findet nicht auf einem Messegelände oder einer hippen Eventlocation in der Innenstadt statt, sondern am Stadtrand im Grünen. Genauer gesagt im FEZ – dem Freizeit und Erholungszentrum in der Wuhlheide. Da nicht nur die Bühnen, sondern auch ein großer Teil der Stände draußen in kleinen Holzhütten oder sogar unter Zeltplanen stattfindet, war es sehr gut, dass das Wetter mitgespielt hat. Es war trocken, teilweise sonnig und einigermaßen warm.

Wieviele Knöpfe möchtest Du an Deinem Synthesizer haben?

Nach einem Tag Superbooth bin ich freudig erschöpft. Es ist alles sehr schön und entspannt, aber die schiere Mengen an Eindrücken, Informationen, Klängen, Gesprächen ist überwältigend. Darum hier nur ein paar völlig subjektive Dinge, die bei mir hängengeblieben sind:

Video

Mir fiel auf, dass Video, bzw. Audiovisualisierung wieder ein größeres Thema zu sein scheint. Hier sei beispielhaft ein Projekt der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch genannt, das ich das sympathisch finde.

Studentisches Videojingle Gerät

Im Rahmen von Theaterprojekten brauchten die Studenten eine möglichst einfache und kostengünstige Vorrichtung, um parallel mehrere Videostreams in Echtzeit anzeigen und manipulieren zu können. Also bauten sie es selbst. Auf dem Stand konnte man sich den Prototypen auf Basis von Raspberry Pi und einem 3D gedruckten Gehäuses vorführen lassen. Nun soll aus dem funktionsfähigen Gerät ein kostengünstiges, vermarktbares Produkt werden. Wir waren uns im Gespräch einig, dass einer der wichtigsten Erfolgskriterien eine möglichst einfache und intuitive Bedienoberfläche gehört.

Ich drücke dem Team die Daumen!

Grooveboxen, Matrixsequencer, Tracker

Einige klangerzeugenden Geräte würden Laien gar nicht als Musikinstrumente wahrnehmen. Damit meine ich alle Arten von Grooveboxen, Matrixsequenzern und Audiotrackern.

Kein Gamepad, sondern ein Instrument – der Nanoloop

Das schrägste, was ich gesehen habe – und das will auf der Superbooth etwas heißen – ist die Software Quadtrack von der Berliner Firma Pink Parrot Studio. Eine Tracker Software, die sage und schreibe auf einem Commodore Amiga(!) vorgeführt wurde und kreischend bunt aussah. Der Stand wirkte wie eine Zeitkapsel aus dem Jahr 1987.
Im Jahr 2026 braucht man aber nicht zwangsläufig einen Amiga. Man kann die Software auf Mac und Windows ausführen – die Amiga Emulation wird mitgeliefert.

Quietschbunt – Quadtracker auf einem Original Commodore Amiga aus der 80ern

Bei den Hardwaretools liegt Design, Material- und Verarbeitungsqualität generell auf hohem Niveau. Gleich zu Beginn, ließ ich mir den Plinky 12 vorführen. im Prinzip ein dünnes Aluminiumbrett ungefähr in der Größe einer LP mit einer berührungsempfindlichen Oberfläche unter der sich 16 x 16 LEDs befinden. Wie das Ding genau bedient wird, hängt von den austauschbaren Oberflächen ab. Zur Zeit gibt es drei Stück.

Plinky12 mit unterschiedlichen Benutzerinterfaces

Auch Dirtywave war wieder mit dem M8 Taschentracker vor Ort. Ein sehr eigenwilliges Mini-Studio im Hosentaschenformat, mit dem man recht gute Tracks bauen kann. Das Gerät habe ich bereits im letzten Jahr beschrieben. Auch hier: Ein solides Aluminiumgehäuse und erstklassige Tasten. Auf meine Frage, ob es mittlerweile einen deutschen Vertrieb gibt bekam ich die Antwort, dass man es weiterhin nur direkt in den USA bestellen kann. Es wird eine Charge produziert und wenn die ausverkauft sind, muss man auf die nächste Charge warten. Normalerweise hätten sie jetzt noch welche gehabt, aber seit das Gerät beim Youtube Channel „Bad Gear“ besprochen und nicht – wie dort sonst üblich – zerrissen wurde, ging das Ding weg, wie geschnitten Brot.

Dirtywave M8 (Bild aus dem letzten Jahr)

Der Moderator wäre übrigens kurz vor mir dort gewesen. Tatsächlich habe ich Florian „Audio“Pilz auch kurz darauf getroffen und ihm zu seinem Youtube Kanal gratuliert.

Im letzten Jahr hatte ich es übersehen, aber in diesem Jahr habe ich mir das Bento von 1010music genauer angesehen und erklären lassen (und jetzt schon wieder kein Foto gemacht). Im Prinzip eine Sample basierte Groovebox, die man bequem mitnehmen kann um unterwegs einen Track zu bauen. Auch hier ist die Hardware chic: Flaches, steifes Aluminiumgehäuse, solide Drehregler, scharfes Farbdisplay für unter €1000,-.

Das letzte Gerät in dieser Reihe, dass auch schon letztes Jahr gezeigt wurde, ich aber erst in diesem Jahr angefasst habe ist das Ableton Move. Ähnliches Prinzip: flaches, rucksacktaugliches Alu“brettchen“ mit ein paar Pads und Drehreglern, mit dem man unterwegs schnell mal ein paar musikalische Skizzen machen kann. Ebenfalls mit super Design und Hardwarequalität.

Ableton Move – Groovebox, bzw -brettchen als musikalisches Notizbuch

Ehrlich gesagt hätte ich das dieses Jahr wieder übersehen, wenn nicht ein Schild auf den Stand hingewiesen hätte. Denn was so aussah, wie irgendein Imbisswagen hinter den anderen Imbisswagen und Kaffeeständen, war tatsächlich eine Ausleihe. Man konnte sich dort das „Move“ für eine Stunde ausleihen und auf der Wiese damit rumspielen. Ziemlich charmante Idee.

Musikalischer Imbiss – „Bitte einmal Ableton Move“

Ich finde die Idee, jederzeit ein leichtes elektronisches Notizbuch dabei haben zu können, eigentlich sehr interessant. Nachdem ich nun also endlich einige Geräte dieser Art ausprobieren konnte, bin aber ich zu der etwas ernüchternden Erkenntnis gelangt, dass das irgendwie nicht mein Workflow ist. Genauso wenig wie Gestöpsel am Modularsynthesizer. Das finde ich zwar alles interessant, aber ich komme selbst so zu keinen befriedigenden Ergebnissen. Mein Ding scheint zu sein: Keyboard und Sequencer mit Instrumentenspuren.

Na gut, dann ist das eben so. Kommen wir also folgerichtig zu der nächsten Kategorie:

Spiel orientierte Tasteninstrumente

Die Tasteninstrumente, die ich ausprobieren konnte, teile ich für mich grob in zwei Kategorien: Sound orientiert und Spiel orientiert.

Kurzweil K2700 – sehr Spiel orientiert

Unter Spiel orientiert verstehe ich Geräte, die vergleichsweise bekannte Klangkategorien bedienen, aber sehr nuanciert zu spielen sind und dadurch „natürlicher“ klingen. Ein gutes Beispiel ist das Kurzweil K2700. Dieses Keyboard bietet zwar überwiegend konventionelle Klänge, wie Streicher oder Pianos, diese aber in hervorragender Qualität und dank einer tollen 88 Tasten Klaviatur sehr natürlich und ausdrucksstark spielbar.

Dirk am C25 von Nonlinear Labs

In eine ähnliche Richtung geht die Berliner Instrumentenmanufaktur Nonlinear Labs mit ihrem neuen C25. So wie ich es verstanden habe, ist es die Bühnenversion ihres bereits bekannten Edelinstruments C15, das für besonders ausdrucksstarkes Spiel geeignet ist.

Sound orientierte Tasteninstrumente

Unter Sound orientiert verstehe ich Geräte bei denen der Schwerpunkt in der möglich einfachen und/oder komplexen Manipulation des Klangcharakters liegt. Dafür ist die Art der der Klangsynthese (z.B. subtraktiv, additiv, granular), welche Oszillatoren, Filter und Modulationsmöglichkeiten vorhanden sind und wie intuitiv sich das während des Spiels verändern lässt, wichtig. In den letzten Jahren bin ich immer mehr zu einem Freund klassischer subtraktiver Klangsynthese geworden.

Ich konnte die viel gelobten Modelle Super 8 und den brandneuen DMNO von UDO Audio aus Bristol ausprobieren. Obwohl ich die Drehregler etwas schwergängig fand, ist die Qualität der Hardware über jeden Zweifel erhaben. Das ungewöhnliche Konzept des DMNO machte mir die Bedienung rätselhaft und der Klang des Super 8 ist zwar sehr gut, aber für meinen Geschmack etwas zu brav. Beides sind sehr gute Instrumente, auch wenn sie mich nach kurzem Anspielen nicht voll abgeholt haben. Möglicherweise wäre das mit etwas mehr Zeit und Muße anders gewesen.

Aus irgendeinem Grund, werde ich von den Instrumenten von Dave Smith und Tom Oberheim mehr angesprochen. Mittlerweile sind Sequential und Oberheim dieselbe Firma und häufig gibt es deren Instrumente in jeweils einer Sequential und einer Oberheim Variante (z.B. Oberheim TEO-5 und Sequential Take-5) die ähnlich aufgebaut sind, sich aber klanglich deutlich unterscheiden.

Ich habe den günstigen und genial klingenden Oberheim TEO-5 angespielt um herauszufinden, ob er mich noch immer so begeistert, wie beim ersten Mal (Spoiler: Ja). Der Sound ist Oberheim typisch kräftig. Die Bedienung ist logisch. Ich fand sofort alle wesentlichen Klangparameter um sie während des Spielens ändern zu können. Die Qualität der Regler und Tasten sehr gut und das Gerät ist für lediglich €1.500,- fast schon geschenkt. Wenn ich doch bloß etwas mehr Platz hätte…

Oberheim TEO-5 (Bild aus dem letztem Jahr)

Während ich darauf gewartet habe, dass der TEO-5 frei wird, hatte ich Gelegenheit, den Sequential Trigon 6 auszuprobieren, der mit €3.500,- eine Preisklasse höher angesiedelt ist. Das ist der letzte Synthesizer, an dem Dave Smith vor seinem Tod mitgearbeitet hatte. Auch hier war ich von Bedienung und Klang begeistert. Ich bevorzuge eigentlich den Klang der Oberheim Filter gegenüber denen von Sequential, aber auch diese Gerät ist eine Wucht.

Klingt super, ist klasse verarbeitet und leicht bedienbar – Sequential Trigon 6

Ich habe von den beiden Klassikern Oberheim OB-X und Sequential Prophet 5 Softwareemulationen. Für sich genommen klingen die auch toll, und sind super im Mix verwendbar. Aber jedes Mal, wenn ich ein echtes, physikalisches Instrument dieser Güte spielen kann, bin ich begeistert von der direkten Zugänglichkeit und der Qualität des Klanges – noch ein bisschen filigraner, noch ein Quäntchen mehr Druck und Oomph von unten.

Leider ist Hardware nicht nur teuer, sondern benötigt viel Platz und noch mehr Zeug, wie Kabel, Steckdosen, Mischpulte,…

* Seufz *

Andere Instrumente

Elektronische Musik kann man nicht nur mit Tasten spielen, programmieren oder mit Kabeln und Knöpfen zusammenstecken. Auf der Superbooth gab es auch elektronisches Schlagzeug, Blasinstrumente, oder Handschuhe(!) als Eingabemedium und diverse Tonabnehmer und Sensoren mit denen man Schwingungen von Holzklötzen, Pflanzen oder sonst was aufnehmen konnte.

Begehrt: Die elektronische Kalimba

Im Vergleich dazu fast schon wieder konventionell ist die elektronische Kalimba von Bastl Instruments. Im Vorfeld hatte ich schon einige Videos dazu gesehen und hier konnte ich dann auch tatsächlich damit spielen. Ich hatte zuvor bereits normale akustische Kalimbas gesehen, die mit Sensoren oder Tonabnehmern versehen wurden, aber diese ist anders. Man kann den Ton im Instrument selber ändern und es gibt sogar einen kleinen Arpeggiator, der automatische Tonfolgen abspielen kann.

Sehr interessant und eigen.

Bekannte Gesichter

Kurz etwas Namedropping: Die Superbooth ist mittlerweile eines der wichtigsten Branchenevents. In diesem Jahr habe erkannt: Herrn Schneider (der Veranstalter), Dieter Döpfer (Erfinder des Eurorack Formates für Modularsyntesizer) und Florian Pilz (Youtube Channel „Bad Gear“), sowie Stephan Schmitt und Tim Sund von der Berliner Synthesizermanukatur Nonlinear Labs. Aber wie man durch eine kurze Suche bei Youtube sehen kann: Eigentlich waren fast alle da.

Fazit

War wieder Klasse. Viel schönes Zeug gesehen, gehört und angefasst. Ambiente toll, Dirk erschöpft und fröhlich.

Superbooth klasse – Dirk fröhlich

Gerne nochmal!

Reload.Land 2026 – Elektromotorräder mitten im E-Grand Prix

Am ersten Wochenende im Mai fand in Berlin nach 2022, 2023 und 2025 nun bereits zum vierten Mal das Elektro Motorrad Festival Reload.Land statt. Also nichts wie hin zum ehemaligen Flughafen Tempelhof, wo das Festival als Teil des Rahmenprogramms der Formel-E Grand Prix Autorennens stattfand.

Reload.Land auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof


Ob ich das für so ’ne richtig gute Idee halte, dazu weiter unten mehr.
Auf jeden Fall spielte das Wetter mit. Trocken, Sonne satt und Temperaturen bis zu 26 Grad.

Welche Hersteller waren wieder dabei?

Bei der vierten Auflage scheint sich das Anbieterfeld so langsam zu etablieren und stabilisieren. Livewire und Can-Am waren wie schon im letzten Jahr mit etlichen Vorführmaschinen dabei. Die beiden Modelle Pulse und Origin von Can-Am und die Livewire S2 DelMar konnte ich ja bereits im letzten Jahr zur Probe fahren.

Livewire mit breiter Auswahl an Testfahrzeugen

Livewire arbeitet hart daran, die Elektromotorräder günstiger zu machen. Als 2019 die heutige Livewire One (damals noch „Harley-Davidson LiveWire„) vorgestellt wurde, lag deren Preis noch bei €28.000,-. Mittlerweile startet der Preis für das Modell bei €15.000,-.
Die S2 lag bei ihrer Vorstellung noch bei €19.000,- ist aber in der Zwischenzeit bereits ab €12.500,- erhältlich. Zudem wird die Modellpalette demnächst mit den S4 Modellen nach unten abgerundet. Über Daten und Preise schweigt man sich noch aus. Ich tippe auf ein A1 Modell mit ca. 4kW Akku im mittleren vierstelligen Bereich. Die Produktion soll noch 2026 starten.

Das Modell S4 Honcho war bereits zu sehen, durfte aber noch nicht gefahren werden. Auf Fotos fand ich das Design etwas fragwürdig, aber wenn man direkt davor steht, hat das knuffige kleine Maschinchen etwas von einer Honda Monkey in elektrisch.

Livewire S4 Honcho

Nach zwei Jahren Abwesenheit war Zero diesmal wieder mit am Start. Auch von diesem Hersteller konnte ich vor ein paar Jahren bereits die Supermoto FXE und die Naked SR/F fahren.

Zero mit vielen Modellen am Start. Hier die großen aus der S und D Modellreihe

Zero erweitert ebenfalls sein Programm nach unten. Neben den bekannten großen und teuren Maschinen, hatte man diesmal den neuen Roller LS1 in der A1 Klasse, sowie die beiden kleinen geländefähigen E-Moto Modelle XB (AM bis 45km/h) und XE als A1 Modell dabei.

Die XE interessierte mich seit längerem und nun konnte ich sie endlich auch zur Probe fahren. Wie bei elektrischen Fahrzeugen üblich, sagen die nakten Zahlen (15kW Maximalleistung, 85km/h Höchstgeschwindigkeit, 101kg) etwas anderes, als das Fahren selbst. Das kleine Biest geht los wie die Hölle. Wenn man den Hahn ganz aufdreht, muss man sein Gewicht ganz nach vorne verlagern, um keinen Backflip zu machen. Und selbst dann hatte ich das Vorderrad etwas angelupft und der grobstollige Hinterreifen hatte sogar schon etwas Schlupf – bei trockenem Asphalt und über 20 Grad. Ich will gar nicht wissen, wie das bei Nässe ist.

Zero XE – kleines, wildes Ding

Abgesehen von der brachialen Beschleunigung – man kann auch sehr gesittet und feinfühlig mit der Maschine fahren und das ist dann sehr lässig. Einzig der Blinkerschalter war etwas fummelig, aber vermutlich gewöhnt man sich schnell daran. Und man sollte nicht erwarten, völlig lautlos unterwegs zu sein: Die Geländereifen und das Getriebe sorgen für deutlich hörbare Geräusche.
Mein Fazit:
Schönes Teil! Und mit €6.600,- auch bezahlbar. Als Supermoto wäre das ist genau mein Ding für die Stadt. Leider gibt es noch das Problem mit dem Aufladen…

Bereits zum zweiten Mal dabei ist Maeving (https://maeving.com/de-de) aus England. Für Freunde klassischen Motorraddesigns sind diese Leichtkrafträder wahre Hingucker. Ihre im Hinterrad eingebauten Radnabenmotoren leiten A1 konforme 11kW.

Zwei schicke Maeving aus Coventry

Ganz im Gegensatz dazu sind die E-Mopeds von Coopop (https://coopop.bike/) eher lustige Interpretationen klassischen Designs, wie zum Beispiel von Bobbern oder Minibikes wie der Honda Gorilla.

Coopop Rugged, Bobber und SG (v.l.n.r)

Der finnische Hersteller Verge (https://www.vergemotorcycles.com/de_de/) ist bereits seit mehreren Jahren mit seinen leistungs- und drehmomentstarken, Maschinen mit dem charakteristischen Nabenlosen Hinterrad auf dem Reload.Land Festival vertreten. In diesem Jahr aber zum ersten Mal mit gleich vier Vorführern.

Verge – groß, stark, bunt und mit „Loch“ im Hinterrad

Die nächsten beiden deutschen Firmen sind bereits seit dem ersten Reload.Land Festival dabei.

Black Tea Motorbikes (https://www.blackteamotorbikes.com/) hatte seine neue Wildfire dabei, die deutlich kräftiger, bulliger und kantiger als die seit ein paar Jahren gebaute Bonfire. Das Modell, das ich gesehen habe, hatte leider wieder nur CBS Bremsen, aber man scheint sie auch mit ABS kaufen zu können.
Respekt dafür, dass es diesen kleinen Hersteller, der als Uni Projekt gestartet ist, noch gibt, während andere, denen ich damals bessere Chancen eingeräumt hatte, wie Cake oder Energica die Segel streichen mussten.

Ebenfalls als Uni-Projekt hat Second Ride (https://second-ride.de/) aus Berlin begonnen. Der Gründer Carlo Schmid wollte sein Simson Moped einfach vom Zweitakter auf Elektroantrieb umrüsten und hat die Umrüstsätze für Simson S51 und Schwalbe auch an andere Interessierte verkauft.
Mittlerweile ist das Umrüstset modular, passt an diverse alte Mopeds verschiedenster Hersteller (z.B. Kreidler, Zündapp, Yamaha oder Honda) und ist optisch kaum noch von den originalen Motoren zu unterscheiden, um das Design der alten Maschinen zu bewahren.
Sehr cool und professionell gemacht!


Welche Hersteller waren neu dabei?

Die ersten zaghaften Versuche der großen, etablierten Motorradhersteller aus Japan im Elektrobereich konnte ich noch nicht so recht ernst nehmen. Aber in diesem Jahr stellte Honda mit der WN7 endlich eine Maschine vor, die preis- und leistungstechnisch mit Zero und co mithalten kann. Eckdaten: 50kW Maximale Leistung, 140km Reichweite für €15.000,-. Die etablierten Motorradtester waren beim Probefahrten in Malaga jedenfalls beeindruckt – ja, auch die Verbrennerliebhaber.

Honda WN7 – angucken und draufsetzen ja. Fahren leider nein

Die WN7 wurde in Berlin statisch ausgestellt. Angucken, anfassen, draufsetzen ging – fahren leider noch nicht. Optisch spricht sie mich zwar nicht so recht an, aber die haptische Qualität ist Honda-typisch hoch und sie hat ein Detail, das ich richtig klasse finde: Sie hat einen CCS Anschluss, wie jedes E-Auto!
Man kann die WN7 also sowohl an langsamen 11kW AC Ladern oder an DC Schnelladern aufladen.

Wobei der eigentliche Witz nicht mal so sehr die Ladegeschwindigkeit ist, sondern, dass man bei DC Ladern kein sperriges Kabel mitnehmen muss.
Geht doch! So langsam kommen wir dahin, wo wir hinwollen. Bitte mehr davon!

Auch zum ersten Mal dabei ist ein europäischer Hersteller, der seit einiger Zeit im Geländesport und bei jugendlichen Motorrad Youtubern von sich reden macht: Stark Future (https://starkfuture.com/de-DE) mit Sitz in Spanien hatte mehrere Varianten des €13.000,- teuren Modells Varg mitgebracht. Darunter auch die brandneue Supermoto.

Stark Varg Enduro mit Strassenzulassung

Ich habe letztlich von einer Probefahrt abgesehen, obwohl mich die Stark brennend interessiert. Zuvor hatte ich ja bereits die kleine Zero XE mit 15 kW ausprobiert und war damit bereits an das Maximum dessen gekommen, was man mit einigermassen guten Gewissen auf Stadtstraßen fahren kann. Die Stark ist mit ihren 80PS vier Mal so stark (Wortspiel – haha…). Jeder erfahrene Motorradfahrer, der sie bisher ausprobiert hat, war voll des Repekts. Zitat des Youtubers Blackout: „Die Maschine ist ja total geisteskrank„. Und auch mein Triumph Händler, der wirklich starke Sportmaschinen gewohnt ist hatte eine Stark im Laden und meinte „Die fahr ich nicht nochmal – das ist mir viel zu krass„.

Also vielleicht mal später in einer Umgebung, wo man eher etwas rumspielen kann.

Im Nachhinein ärgerlich, dass ich an Gr1t (https://www.gritmotorcycles.com/en) vorbeigegangen bin, weil das neue Unternehmen tatsächlich aus Berlin (und Mailand) kommt und die Maschinen mit deutlich unter €10.000 bezahlbar sein sollen. So kann ich leider nicht sinnvolles sagen, aber wenigstens habe ich ein Foto gemacht.

Gr1t aus Mailand und Berlin

Welche Hersteller fehlten?

Einige Pioniere im Bereich elektrischer Zweiräder haben leider wieder aufgeben müssen. Unter anderem auch Cake aus Schweden, Energica aus Italien und Brekr aus den Niederlanden, die auf früheren Veranstaltungen dabei waren.

Ich finde es hingegen unverständlich, dass BMW schon wieder nicht auf dem Reload.Land vertreten ist, obwohl sie elektrische Zweiräder im Angebot haben und sogar eine Motorradfabrik in Berlin Spandau.

Ebenfall schade, dass der einzige Bereich, in dem elektrische Zweiräder gerade bei Jugendlichen boomen nicht vertreten war. Weshalb sind die E-Moto Pioniere Sur-ron, Talaria und E-Ride nicht anwesend? Wo ist Altis? Immerhin hatte wenigstens Zero seine E-Moto Modelle mitgebracht.

Formel E Grand Prix – coole Kombination?

Wie bereits angedeutet, was das Reload.Land in diesem Jahr Teil des Rahmenprogramms des Formel E Grand Prix. Am Samstag, als ich dort war, lief das Qualifying. Auch der seit einigen Jahren an wechselnden Orten stattfindende E-Cannonball. Zudem fand im Flughafengebäude auch noch die Kunstmesse Paper Positions statt und nicht zu vergessen ist das ganze ehemalige Flugfeld ein großer, gut besuchter Park für die umliegende Stadtteile Tempelhof, Kreuzberg und Neukölln.

Wahrscheinlich war die Idee, das Reload Land in solch einer wuseligen Gemengelange von hunderttausenden Menschen stattfinden zu lassen, dass man mehr Spontanbesucher bekommt und so bekannter wird. Ich kann nicht beurteilen, ob das Kalkül aufgegangen ist. Als Besucher fand ich das ehrlich gesagt ziemlicher Mist, weil es für mich eigentlich nur Nachteile hatte.

Ich komme ja dorthin, weil mich die E-Motorräder interessieren und man vor allem auch Probefahrten machen kann. Dafür ist ein Veranstaltungsort innerhalb des Berliner S-Bahnrings aufgrund der Verkehrssituation schon mal ziemlich untauglich.

Schlimmer war, dass die Bindung an den E-Grand Prix auch massive organisatorische Probleme zur Folge hatte.

  • Neben der Registrierung für das Reload.Land brauchte man auch noch eine weitere Eintrittskarte für den Fan-Bereich vom E-Grand Prix, obwohl der mich gar nicht interessiert hat.
  • In der gesamten Kommunikation wurde nicht deutlich, wo überhaupt der Eingang zur der Veranstaltung ist. Nicht ganz unwichtig, weil der blöde Flughafen nämlich echt gross ist. Ich bin erst mal aus Versehen beim Lieferanteneingang gelandet und wurde dann zur Presseakkreditierung geschickt, bevor sich jemand meiner erbarmt hat und mir korrekte Infos gegeben hat.
  • Wenn ich vor habe, Probefahrten mit Motorrädern zu machen, habe ich natürlich Schutzkleidung und Helm an. Und deshalb komme ich natürlich nicht mit der U-Bahn, sondern mit dem eigenen Motorrad. Eigentlich klar, bloss muss man das dann auch irgendwo ordentlich parken können. Das war nicht vorgesehen. Also habe ich meine Kiste ziemlich ungeil auf einem Grünstreifen abstellen müssen.
  • Noch besser war die Ansage am Einlass, dass man seinen Helm nicht mit reinnehmen darf.
    WTF??? Natürlich muss ich meinen Helm mit reinnehmen, wenn ich Motorräder ausprobieren will. Das wurde dann von mitfühlenden Orga Mitarbeitern gelöst, indem man diskret über einen Seiteneingang reingelotst wurde.
  • Dann musste man seinen Helm in einem Container ablegen, damit die Grand Prix Security nicht rumnervt. Immerhin hat sich dann jemand als „Helmgardobiere“ erbarmt.
  • Wenn man sich dann eine Probefahrt organisiert hatte, musste man das Fahrzeug bis zum Ausgang schieben, weil es verboten war, auf dem Gelände zu fahren! Bei der 100kg leichten Zero XE kein Problem, aber eine 247kg schwere Zero DSR/X?
  • Dann kommt man von der Probefahrt mit der geliehenen Maschine, die x-mal an dem Tag rein- und rausfährt zurück und die Security fragt ernsthaft, ob man eine Eintrittskarte hat. Meine Erwiederung „Ja natürlich. Ich bringe doch gerade die Probefahrtmaschine zurück“ wurde mit glasigem Blick und dem Spruch „Dann zeig mir doch die Eintrittskarte“ beantwortet.
    Diese Dumpfheit hat mich wirklich für 5 Sekunden sprachlos gemacht, bevor ich meine Handschuhe ausgezogen habe, mein Smartphone aus der Tasche gezogen habe, darauf rumgefudelt, bis der „Wachtmeister“ den Code gesehen hat, die Sachen wieder verstaut, Handschuhe wieder an, einmal um die Ecke gefahren und dann das Ganze nochmal (!!!) um dann die Maschine wieder zurückzuschieben.

Wichtig daran ist, dass diese ganze Hohlköpfigkeit und geistige Stumpfheit von der Orga und Security des E-Grand Prix ausging. Die Orga und die Mitarbeiter vom Reload.Land haben alles mögliche getan, damit die Situation nicht völlig aus den Fugen gerät. Danke dafür.

Aber so eine Kombination bitte nicht für das nächste Mal.

Zwei Jahre auf Strom – bin ich zufrieden?

Neulich hat mich ein Freund gefragt, ob ich mit meinem Elektro-Auto eigentlich noch zufrieden bin. Tja, eigentlich reicht es schon fast, das folgende Foto von heute zu zeigen.

Ratet mal – Bin ich zufrieden mit meinem E-Auto? (Bild vom 22.03.2026)

Ich kann es auch so zusammenfassen:

Der Umstieg auf ein Elektroauto gehört zu den besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.

Oder noch etwas ausführlicher:

Es ist fast genau zwei Jahre her, daß ich umgestigen bin. Von Benzin auf Strom. Von Mercedes zu Tesla. Zwei Sommer und vor allem zwei Winter später, nach mehreren Urlauben und Ausflügen, mit Kurz- und Langstrecke, mit Stadt, Landstrasse und Autobahn kann ich das Fazit ziehen.

Das Auto als solches
Technik beiseite – ich versuche mal das Gefühl zu erklären. In meiner Jugend hatte ich diesen einen (etwas schnöseligen) Auto-Traum:

Die Szenerie wie in einem englischen Krimi aus den 60ern.
Nach einer längeren Fahrt durch eine schöne Landschaft komme ich entspannt mit einer eleganten Reiselimousine an einem Landsitz an. Ich fahre durch die Einfahrt und dann langsam die mit alten Bäumen gesäumte kiesbedeckte Auffahrt hoch. Von dem kraftvollen Wagen hört man nichts – nur der Kies knirscht leise unter den Reifen.
Ich dachte damals an einen 12 Zylinder Jaguar oder so etwas.

So eine Szene habe ich erlebt.
Nicht in England, sondern in Nordfriesland.
Die Kiesallee war nicht 500m sondern 50m lang und anstatt im Jaguar saß ich im Tesla.

Aber das Gefühl war dasselbe!

Und damit bin ich nicht alleine. Meine Beifahrerin bemerkte:
„Ich liebe dieses Gefühl, wie in einem Raumschiff leise dahinzugleiten“.

Das Auto ist an vielen Stellen etwas eigenwillig und auch nicht perfekt, aber super geschmeidig, kraftvoll, lautlos und wirklich gut verarbeitet. Der Tesla ist ein super entspanntes Reiseauto.

Mit Tessi in Dänemark

Der Joker ist die Vorklimatisierung. Im Sommer nicht in ein brütend heisses Auto einsteigen zu müssen und im Winter den Wagen vorwärmen und damit Eis und Schnee nicht mehr mühsam abkratzen zu müssen ist Gold wert!

Die Kosten
Erst mal die Anschaffung. Eine geräumige, gut ausgestattete Limousine mit fast 280PS für €42.000,- ? Hätte ein vergleichbarer Verbrenner auch gekostet. Locker!

Ein (seltener) Traumwerte beim Verbrauch – aber nicht die ganze Wahrheit

Im Gegensatz zum Verbrenner hatte ich bei Elektro absolut keine Ahnung wie die sonstigen Unterhaltskosten sind und habe daher genau Buch geführt.

  • Die KFZ-Steuer ist für 10 Jahre erlassen, dafür ist die Versicherung etwas teurer.
  • €0,- Wartungs- oder Werkstattkosten (Mercedes: ca. 850,- Wartungskosten pro Jahr)
  • Der im Fahrzeug angezeigte Stromverbrauch (s.o.) ist nicht die ganze Wahrheit. Hinzu kommen Ladeverluste, Strom für Vorklimatisierung, Batterievorkonditionierung und Standbybetrieb, falls ein Update läuft oder der Wächtermodus aktiv ist. Daher habe ich stets die an der Ladesäule abgegebenen und bezahlten kWh notiert. Das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen:
    18,5 kWh pro 100km gegenüber 10 L Superbenzin beim Mercedes.
  • Ich habe für den Fahrstrom ca. €2.000,- weniger ausgegeben, als mich Benzin gekostet hätte.
  • Nebenbei bemerkt: das sind auch 2,8 Tonnen CO2 weniger und giftiger Bremsstaub entfällt auch fast komplett, weil der Wagen über Rekuperation bremst und damit den Akku wieder auflädt.

Sonstige Kosten, die für bei beiden identisch wären (Stellplatz, Ganzjahresreifen, Parkgebühren etc.) lasse ich im Vergleich mal außen vor. Unterm Strich ungefähr €1.800,- pro Jahr weniger für ein viel besseres Fahrgefühl. Umweltschutz und weniger Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen inklusive.

Strom laden – wo und wie?

Ich wohne in einer Mietwohnung mitten in der Berliner Innenstadt. Immerhin habe ich einen Stellplatz (Yay!), aber keine Lademöglichkeit – obwohl vier Säulen im Hof stehen (Boo!). Der Vermieter versteht das Prinzip einfach nicht. Premiumpreis für Stellplatz, plus Stromvertrag, plus gar nicht mal günstiger Stromtarif macht schlichtweg keinen Sinn. Egal – abgehakt.

Zu Hause laden ist also nicht, aber In den letzten Jahren hat sich die Anzahl der Ladesäulen ordentlich vermehrt und zudem darf ich hin- und wieder bei meinem Arbeitgeber laden. Ansonsten gibt es in meinem Viertel einigermaßen bezahlbare AC (langsam) Ladesäulen von den Berliner Stadtwerken und von Qwello, aber die sind auch immer häufiger belegt. Auf Reisen lade ich tatsächlich meist bei Tesla, weil es einfach, zuverlässig und nicht allzu teuer ist, oder bei EWE.

Schön – aber muss es unbedingt Tesla sein?

Nein, nicht mehr zwingend. Ende 2023 sah das aber noch anders aus. Das Tesla Model 3 war eigentlich gar nicht mein Wunschauto, aber die Konkurrenz war damals(!) nicht überzeugend. Musk war zwar auch schon ein Armleuchter, aber hatte seinen Hitlerstunt noch nicht gemacht.

Heute gibt es ein sehr viel größeres Angebot an guten und auch bezahlbren E-Autos und dieses Jahr kommen noch sehr viele interessante Neuerscheinungen raus.

Ich sehe Tesla – wenn man mal den CEO außen vor lässt – aber immer noch im Rennen. Die Autos sind technisch nicht mehr führend, können aber immer noch mithalten. Sie sind ausgereift, robust, gut ausgestattet, sparsam und für die Größe recht preiswert. Gute Infrastruktur inklusive.

Und weil die Software immer aktuell gehalten wird, ist es durchaus möglich, dass mein fast 3 jähriges Auto in den nächsten Monaten teilautonom fahren kann, falls die europäischen Behörden FSDs freigeben. Das wäre dann doch wieder ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Mal gucken.

Fazit

Ich sehe eigentlich überhaupt keinen Grund mehr, weshalb man sich heutzutage als Neufahrzeug noch einen Verbrenner kaufen sollte. Falls man die Möglichkeit hat, zu Hause zu laden, schon mal gar nicht (Ausnahme: Motorrad. Aber dazu kommt noch was). Die Auswahl an guten und bezahlbaren Elektroautos für jeden Geschmack und in jeglicher Größe steigt rasant. Die Infrastruktur ist auch schon gut und wird immer besser.

Keine Abgase, kein Motorenöl und fast kein Feinstaub durch Bremsen. Keine Ölpest durch Tankerunfälle. Keine Raffinerien. Kein umweltschädlicher Ölsandabbau. Weniger Devisen für fragwürdige Staaten und vor allem – keine Kriege mehr um Öl.
Und trotz dieser Vernunftgründe muss man auf nichts verzeichten. Im Gegenteil:

Elektrisch fahren ist einfach geiler!

Lieber Strom vom Deich, als Öl vom Scheich!

Probefahrt Triumph Scrambler 400XC

Was bisher geschah…
Im letzten Jahr hatte ich mich schweren Herzens dazu durchgerungen, meine Suzuki GSX-S 750 („Probefahrt Suzuki GSX-S 750„) zu verkaufen. Ich habe das gemacht, weil ich sehr viel weniger gefahren bin, als ich ursprünglich gedacht hatte.

Die schönen, entspannten Touren über die Landstraßen für die die Maschine klasse ist, habe ich kaum gemacht, weil es sich meist nicht so ergab. Und in der Stadt nervt das Gewicht von 215kg, die schwergängige Kupplung und dass einen der Motor an der Ampel oder im Stau von unten langsam grillt. Zudem ist der breite Vierzylinder nicht die erste Wahl um durch den Stau zu wuseln.

Die Maschine war in super Zustand, hatte noch keine 10.000km runter und es war ewig schade, dass so eine tolle Fahrmaschine unten im Hof Moos ansetzt. Umso schöner war es zu sehen, wieviel Freude die Käuferin versprühte, bevor sie mit der Maschine vom Hof fuhr und mir noch am selben Nachmittag eine SMS schickte, dass die Maschine jetzt umgemeldet sei. Die Suzi ist in guten Händen und eine nette junge Frau ist jetzt glücklich.

Schön. Aber…

Es juckt…
Motorrad fahren ist eine sehr emotionale Herzenssache, die man „normalen“ Menschen gar nicht richtig erklären kann. Man muss unbequeme Schutzkleidung tragen, ist Wind, Regen und Sonne ausgesetzt, es ist körperlich 10 mal anstrengender als Auto zu fahren und zudem auch nicht gerade ungefährlich.

Aber man hat meist kein Parkplatzproblem, es macht Spaß, befreit den Kopf und ist gut für die Seele.

Nun ist ein Jahr rum, es ist fast Frühling und die Sehnsucht nach einem motorisierten Zweirad zwickt von allen Seiten. Also habe ich wieder geguckt, was es für interessante Maschinen gibt.

Muss das wirklich sein? Nein!
Ist das Clever? Nein!
Kann man das Geld sinnvoller ausgeben? Definitiv!

Okay, dann ist das ja geklärt. Also los…

Und da wie hier von Gefühl reden: Falls ich mir wieder ein Motorrad zulegen würde, hätte ich natürlich gerne etwas Schönes. In meinen Augen baut Triumph die schönsten Motorräder. Ich bin auch schon einige Modell zur Probe gefahren („Feinste englische Ware aus Hinckley„, „Triumph Trident 660 – erster Eindruck„) und fand alle toll und wunderschön. Aber es sind eben teure und vor allem auch große Maschinen, mit denen ich vermutlich wieder dieselben Probleme wie mit der GSX hätte.

Und dann habe ich die Scrambler 400 gesehen.

Schön, schmal, mit 179kg relativ leicht, kleiner Einzylindermotor mit gerade mal 40PS. Nichts für die große Tour, aber passend für das städtische Umfeld und zur Not auch mal einen Feldweg. Tester sprachen fast unisono von einer schicken, kleinen Maschine, die Spaß macht. Also hin zum Händler und eine Probefahrt gebucht.

Die Probefahrt

Heute hatte ich eine Stunde mit der Triumph Scrambler 400XC. Ich habe meine bewährte Testrunde mit Stadt, Landstraße, einem Stück üblem Kopfsteinpflaster und einer berüchtigten Staustrecke mit Stop and Go.

Triumph Berlin – Scrambler 400 XC abfahrbereit – perfektes Wetter

Das Wetter hätte nicht besser sein können: 15 Grad, trocken, sonnig. Die Maschine hatte ganze 9km auf dem Tacho. Ich war also der erste reguläre Fahrer. Das ist leider nicht ganz gut, weil Reifen, Bremsen und Motor noch nicht eingefahren sind und entsprechende Vorsicht angesagt ist. Im Verlauf der Probefahrt zeigte sich, dass das ohnehin besser ist, weil noch ziemlich viel Split auf den Straßen lag – und zwar bevorzugt in Kurven, Einmündungen und überall da wo man lenken und Bremsen muss. Puh!

Sitzposition und Bedienung

Motorräder der A2 Klasse (bis 48PS) sind häufig sehr kompakt oder sogar recht klein. Während das für das Schwestermodell Street 400 zutrifft, ist die Scrambler hier deutlich anders ausgelegt. Ich bin mit knapp 1,90m und 90kg weder klein, noch leicht, aber ich musste mich nicht zusammenfalten. Im Gegenteil: Die Sitzhöhe ist mit 83cm verblüffend hoch, die Sitzposition ist aufrecht und der Kniewinkel entspannt. Die Sitzbank ist genau so bequem, wie sie aussieht.

Sachlich und übersichtlich – Die Armaturen der Scrambler 400 XC

Die Armaturen sind einfach, zweckmäßig und übersichtlich. Analoger Tacho und ein einfaches LCD für Drehzahl, Gang, Kilometerzähler und Tankanzeige. Kein Mäusekino, keine verschachtelten Menüs, keine 1000 Fahrmodi. Für den Offrod Einsatz kann man das ABS ausschalten. Das war’s. Alles wichtige im Blick und mehr nicht. Sehr wohltuend.
Wobei – ich habe mich in den letzten Jahre so an digitale Anzeigen gewöhnt, dass ich den Tacho anfangs ignoriert habe und stattdessen versucht habe, die Geschwindigkeit im Display abzulesen – dort wo die Ganganzeige ist. ;-)

Motor und Getriebe

Der Flüssigkeitsgekühlte Einzylindemotor hat 400ccm Hubraum und eine Maximalleistung von 40PS. Das Getriebe hat 6 Gänge, ist relativ kurz übersetzt. Die Kupplung ist leichtgängig, die Gänge schalteten sich präzise. Klar – im Gegensatz zu den 115PS der GSX 750 zieht die Maschine nicht die Wurst vom Brot, aber zum beherzten Mitschwimmen im Verkehr reichte das sogar, obwohl der Motor noch nicht eingefahren war und ich somit von höheren Drehzahlen Abstand nehmen musste. Dass die Scrambler von nur einem einzelnen Zylinder angetrieben wird, war immer zu hören und zu spüren, aber es gab keine unangenehmen Vibrationen. Der Auspuff klingt zwar kernig, ist aber absolut gesehen eher leise.

Schön anzusehen: Moderner Motor ohne hässliche Kabel oder Schläuche

Fahrwerk und Bremsen

Der Federweg ist vorne und hinten jeweils 150mm. Straff genug für gute Straßenlage und mit genug Reserven für Feldwege oder Brandenburgische Dorfstraßen mit Kopfsteinpflaster.

Die Standardversion der Scrambler fährt auf mit Alugussrädern (vorne 19×2,5″ und hinten 17×3,5″). Die von mir gefahrene XC Version ist hingegen mit identisch dimensionierten Speichenräder für Schlauchlosreifen ausgestattet. Sieht schick aus, wiegt aber 7kg mehr und bietet sonst keine Vorteile.

Das große Vorderrad und die aufrechte Sitzposition sorgen dafür, dass die kleine Triumph ordentlich geradeaus fährt. Zur Kurvenlage kann ich aufgrund der Streusplitverseuchten Brandenburger Landstraßen leider nichts sagen. Mein Eindruck war aber, dass sie eher nicht „wie von selbst in Kurven fällt“.

Zu den Bremsen kann ich noch nichts sagen, da die Maschine wie gesagt fabrikneu war. Die Kombination aus nicht eingefahrenen Reifen, nicht eingebremsten Belägen und Straßen mit ordentlichen Resten von Streusplit hat mich davon abgehalten mal ordentlich reinzulangen.

Ein wunderhübsches Maschinchen.

Fazit

Zunächst: Es hat Spaß gemacht, nach einem Jahr mal wieder eine Runde zu drehen, speziell auf dieser Maschine. Die Triumph ist – wie ich es nicht anders von der Marke erwartet habe – bildhübsch und mit sehr viel Liebe zum Detail gebaut. Ich habe gut auf ihr gesessen, sie fährt sich angenehm und fühlt sich größer und erwachsener an, als man es von einer 400ccm A2 Maschine erwarten würde. Der Einzylinder macht das Beste aus seinem kleinen Hubraum. So lange man nicht zu flott oder mit Sozius und Gepäck überdie Alpen fahren will, reichen die 40PS auch aus, aber es ist eben auch nicht mehr sehr viel Luft nach oben.

So weit, so schön

Ehrlich gesagt, war ich schon innerlich darauf eingestellt, nach der Probefahrt die Bestellung zu unterschreiben. Aber ich habe zurückgezuckt. Warum kann ich gar nicht genau sagen. Ich war zu 90% zufrieden und etwas verliebt in die schöne Maschine. Aber 90% sind eben nicht 100% und knapp €8.000,- sind zwar günstig für eine Triumph, aber nicht für einen 40PS Einzylinder.
Und dann kommt der Grübeleimer: „Wie oft würde ich diese Maschine wirklich fahren?“
In der Stadt ist ein Roller mit Helmfach und Automatik wesentlich sinnvoller – aber leider überhaupt nicht Sexy. Zudem – ich hatte mir vorgenommen, kein Benzin mehr zu verbrennen. Nach einer Stunde Fahrt auf einem vibrierenden Explosionsmotor und danach in den Tesla steigen und sanft, geräusch- und vibrationslos loszurollen macht auch etwas mit einem. Ich habe ja auch schon diverse Elektrobikes gefahren und die sind schon klasse – bis auf die Frage, wo ich die aufladen kann. Für Autos ist das Thema gelöst, aber für Zweiräder leider noch nicht.

Ein paar Tage in der alten Heimat

In den letzten Jahren (2020, 2022, 2023, 2024) bin ich Ende Oktober nach London gereist um dort den Geburtstag von einem guten Kumpel zu feiern. In diesem Jahr ist er mir etwas entgegen gekommen. Genauer gesagt hat er seine Mutter besucht und wir haben uns dort in Elze getroffen. Ich habe dort Teile meiner Teenager Zeit verbracht, bis ich zum Studium nach Berlin gezogen bin.

Elze und Schloss Marienburg

Wie ich bei einem Spaziergang bemerken konnte hat sich dort in den letzten 35 Jahren leider wenig zum Besseren gewendet. Zwar wurde der Nord/Süd Verkehr der Bundesstraße 3 auf die Ortsumgehung verlagert, aber der Ort teilt das übliche Elend der Kleinstädte: Die ganzen Läden in der Hauptstraße sind entweder geschlossen oder mit den üblichen Schrottläden belegt. In den 80ern gab es wenigstens noch viele sinnvolle kleine Geschäfte, so dass man nicht für jede Schraube nach Hildesheim oder Hannover fahren musste. Dafür gibt es nun ein weiteres großes Neubaugebiet mit Einfamilienhäusern. Ich konnte damals aus meinem Jugendzimmer noch hinunter ins Leinetal und auf die Marienburg gucken. Das ginge jetzt nicht mehr. Aber wir haben eine kurze Phase Sonnenschein dazu genutzt einmal kurz rüber zu fahren.

Schloss Marienburg bei Nordstemmen

Zu mehr als ein paar Fotos hat es aber auch nicht gereicht, weil das Schloss Marienburg – die ehemalige Sommerresidenz der Könige von Hannover – zur Zeit wegen umfangreicher Renovierungsarbeiten geschlossen ist.

Wegen Renovierung geschlossen – Schloss Marienburg

Da ich mehrere Tage in der Gegend war, sind wir ein bisschen herumgefahren. Beinahe so wie in alten Zeiten – allerdings etwas zielgerichteter. (Typischer Dialog damals: „Mir ist langweilig. Was machen wir jetzt?“ „Lass uns mal ins Auto steigen.“ „Wohin?“ „Egal – fahr los“).

Alfeld und die Fagus Werke

Damals gab es für uns nur einen Grund ins 20km südlich liegende Alfeld (an den Sieben Bergen) zu fahren: Die Discothek „Easy“. Die gibt es unter dem Namen „Sound“ tatsächlich immer noch, aber diesmal hat uns die gleich daneben liegende Fabrik wesentlich mehr interessiert: Das Fagus Werk ist in der UNESCO Welterbe Liste eingetragen, worauf man im Ort sehr Stolz ist. Der Grund dafür, ist dass die Schuhleisten Fabrik 1910 bis 1915 von Walter Gropius nach modernsten Gestaltungsgesichtspunkten entworfen wurde und richtungsweisend für sein späteres Schaffen am Bauhaus ist.
Ich war verblüfft zu erfahren, dass dort tatsächlich noch immer Schuhleisten hergestellt werden.

UNESCO Welterbe – Fagus Werk Alfeld
Fagus Werk Bahnseite

Hildesheim – echte und nachgebaute Geschichte

Mein Quartier hatte ich in einem Hotel in der Hildesheimer Innenstadt bezogen. Von dort sind alle wichtigen Orte der Stadt in 15min Fußmarsch zu erreichen. Zum Beispiel der Mariendom, der zusammen mit der Michaeliskirche ebenfalls UNESCO Welterbe Status haben. Der Dom im Stil einer Basilika, wurde ab dem 872 im romanischen und gotischen Stil gebaut. Er ist eine der ältesten Bischofskirchen in Deutschland.

Für einen katholischen Sakralbau ist der Dom sowohl in den Ausmaßen als auch in der Gestaltung bemerkenswert bescheiden und schlicht. Letzteres liegt am Wiederaufbau nach den Zerstörungen des zweiten Weltkriegs, aber ich finde, das tut der Atmosphäre gut. Meine Seele berührt die betonte Schlichtheit des Kirchenschiffs bedeutend mehr, als völlig überladene Barockkirchen.

Der Hildesheimer Dom von innen

Der Domhof mit dem Kreuzgang, der Annenkapelle, dem Annenfriedhof und dem tausendjährigen Rosenstock übt auf mich überzeugten Atheisten auch eine eigene spirituelle Faszination aus. Ein sehr schöner, ruhiger und angenehmer Ort. Leider konnte ich dieses Mal keinen der dort lebenden Uhus sehen.

Domhof, tausendjähriger Rosenstock, Annenkapelle

Die „gute Stube“ von Hildesheim ist der Marktplatz mit dem berühmten Knochenhaueramtshaus, dem Bäckeramtshaus und weiteren schönen Fachwerkgebäuden. Der einzige Wehmutstropfen ist, dass fast alle dieser Gebäude aus dem 1980er Jahren stammen. Sie sind Rekonstruktionen von Gebäuden, die hier früher standen. Lediglich das Rathaus an der Ostseite ist noch der Originalbau. Ich habe mit so einem Umgang mit Geschichte so meine Probleme, aber die wenigsten Besucher wird das stören, so lange das ganze schnuckelig aussieht – und das tut es. Und im Bäckeramtshaus gibt es die beste Pizza von Hildesheim.

Hildesheimer Rathaus – fast das einzige Originalgebäude auf dem Marktplatz

Auch wenn sie wie hier gelungen sind – ich selbst mag solche Rekonstruktionen eigentlich nicht. Für mich sind die Nachbauten eigentlich Fälschungen, weil sie einen wichtigen Teil der Geschichte – hier die Zerstörung der Stadt in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges – einfach ausradieren. Zumal die Stadt das eigentlich nicht nötig hat. Sie hat nämlich noch ein paar originale mittelalterliche Straßenzüge rund um den Kehrwiederturm aus dem Jahr 1456.

Mittelalterlicher Gebäudebestand am Kehrwiederturm

Geschichtlich wichtig – also nicht für Hildesheim, aber für mich selbst – war die Tanzschule Bodscheller am Bahnhof. Die gibt es immer noch. Das Gebäude ist ein richtiger architektonischer Missgriff der 70er, aber in den Sälen im 1.OG habe ich damals lateinamerikanische Tänze gelernt – mit Bällen und mehreren Fortgeschrittenenkursen. Eine Lektion für das Leben war, dass es nicht darauf ankommt das hübscheste Mädchen im Arm zu haben, sondern das, mit dem man am besten harmoniert.
Was wohl aus meiner Tanzpartnerin von früher geworden ist…?

Immer noch aktiv – meine alte Tanzschule am Bahnhof

Bad Salzdetfurth

Eine Freundin hat vor kurzem ihre neue Praxis in Bad Salzdetfurth eröffnet. Ein Grund dorthin zu fahren und die Räume anzusehen. Alles großzügig, schick und modern. Ich wünsche Ihr von ganzem Herzen viel Erfolg.

Nach der Besichtigung haben wir einen Rundgang durch das Städtchen gemacht. Wie Elze ist es auch hier – nun sagen wir mal ruhig. Sehr ruhig!

Bad Salzdetfurth – Historischer Ortskern an der Lamme

Aber dennoch wirkt die alte Hauptstraße nicht ganz so verlassen. Es gibt noch ein paar kleine Geschäfte und Restaurants in den schnuckeligen Fachwerkhäusern. Vermutlich hilft hier der Kurbetrieb des Moor und Solebades etwas. Im Kurpark stehen immerhin gleich zwei Gradierwerke, die auf die Geschichte der Salzgewinnung im Ortes hinweisen.

Bad Salzdetfurth – Hauptstrasse
Gradierwerk im Kurpark

Abschiede

Bevor es zurück nach Berlin ging, hieß es Abschied nehmen. Von meinen Freunden, von neuen Bekannten, von der alten Heimat – und auch von Menschen, die nicht mehr unter uns sind. Wir haben den Friedhof St. Magdalenen in Hildesheim besucht, auf dem der Vater von meinem Kumpel beigesetzt worden ist.

Und einen etwas längeren Abstecher nach Bredenback am Deister habe ich auch unternommen um im dortigen Ruheforst den Baum an dem meine Mutter beigesetzt ist, zu besuchen. Gar nicht mal so einfach, einen Baum im Wald wiederzufinden.

Ruheforst Deister
Blick vom Deister in Richtung Hannover

Damit liegen ein paar sehr schöne, teils melancholische, teils auch sehr lustige Tage hinter mir. Und natürlich musste ich mir auch wieder eine leckere Stracke mitnehmen.

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